Wir fordern Solidarität

Foto@DirkOssig Haare@SalonMooquieMarblesDüsseldorf

Gestern war ich beim Frisuer. Als ich den Termin ausgemacht habe, dachte ich: „Schnell noch Haare schneiden, bevor die wieder dicht machen“, aber dann kam es anders und die Frisuere bleiben auf. Vorerst. Ich hab trotzdem recht kurz schneiden lassen, damit ich im Zweifel frisurmäßig gut durch den Winter komme.

Am Haar wird es also nicht liegen, wenn es wieder bitter wird. Wir waren nur zwei Kundinnen im Salon, mehr dürfen derzeit nicht. Ich kam mir trotzdem sehr verwegen vor. Die Friseurin trug eine selbstgenähte Stoffmaske. Den Sommer über haben mich frisch getestete Maskenbildnerinnen befummelt, die über ihre Standart-Maske eine FFP2 Maske gestülpt hatten. Weil Schauspieler ja keine tragen können, während sie geschminkt werden. Zur Sicherheit.

Sicherheit geht vor.

Das mit dem Fummeln meine ich natürlich ernst. Weil ich gern befummelt werde. Ein totales Berufsprivileg. Sich morgens um sechs in einem Maskenstuhl zurück zu lehnen, im Vertrauen, dass ich liebevoll befummelt werde und danach sieht man gar nicht mehr, wie wahnsinnig müde ich tatsächlich bin: Wunderbar! Ich liebe es, geschminkt zu werden. Zu arbeiten. Unter Menschen zu sein. Zusammen einen Film zu drehen. Oder eine Fernsehserie. Oder einfach nur einen winzigen Gastauftritt bei irgendeinem Film zu haben. Wie wunderbar das ist. Und hoffentlich so bleibt.

Die andere Kundin im Salon bekam Wellen gelegt. „Für unseren Mädelsabend“ sagte sie. (Eine ältere Dame auf Mädelsabend. Wie süß). „Wer weiss, wann wir uns wiedersehen. Deshalb machen wir uns extra füreinander hübsch. Damit wir uns in bester Erinnerung behalten.“

Jeder hat seine Strategie, mit der Situation umzugehen. Diese hat mich sofort überzeugt.

Sie hatte sowieso eine spitzen Einstellung, nicht nur top gepflegtes Haar: „So kann man nicht mit denen umgehen.“ „Dann verlieren sie die Moral.“ „Und sie geben uns so viel, wir brauchen sie.“ Ich hab nur die Hälfte mit bekommen, meine Frisuerin hat mir zwischendurch ins Ohr geföhnt, deshalb dachte ich zuerst, sie spricht von uns! Den KÜNSTLERN, den GASTWIRTEN und VERANSTALTUNGSTECHNIKERN, uns Spaßmachern eben, die allen Arbeitnehmern sonst die Freizeit versüßen, mit unserem Angebot.

Aber sie sprach über ihren Hund. UNGUT, dachte ich. Ungut, wenn ich mich gemeint fühle, wenn von einem Hund die Rede ist. Nicht persönlich, aber als Berufsgruppe. Dabei, das gebe ich zu, habe ich noch Glück gehabt. Diesen Sommer konnte dann doch, nach dem Berufsverbot im Frühjahr, gedreht werden. Zum Glück. Vielleicht kriege ich es nächstes Jahr erst richtig ab. Wenn die Hälfte meiner beruflichen Betätigunsfelder vom Markt verschunden sind. (Kinos, kleine Theater, Lesebühnen…)

Aber was ist mit meinen Kollegen die jetzt wieder voll betroffen sind?

Das Frühjahr war noch aushaltbar. Da hatte es alle erwischt. (Mehr oder weniger). Und wir konnten uns was ausdenken, um gleich wieder loszulegen, wenn der Sommer kommt. Wir hatten die Hoffnung, dass das Opfer, das wir jetzt erbringen, für alle gut und richtig ist. Und wir sind ausgewichen, ins Internet, um da präsent zu bleiben, den Marktwert zu erhalten, zu arbeiten. Es war wie ein großer Castingaufruf, bei dem es leider überhaupt nichts zu gewinnen gab. Es war ok, es hat uns abgelenkt. Diesmal sollten wir trotzdem schlauer sein.

Denn diesmal sieht es anders aus. Diesmal sind wir die Einzigen, denen Berufsverbot auferlegt wurde. (Künstern, Gastronomen, Veranstalter im weitesten Sinn. Techniker nicht zu vergessen.) Denn: Es ist kompliziert*.
Wenn sich nur noch Personen aus 2 Haushalten treffen dürfen, bräuchten die Theater und Restaurants leider eine Sonderregelung damit sich hier mehr Leute treffen können. Es könnte sogar sein, dass die meisten Kinos und Theater wirtschaftlich im November viel besser dastehen, wenn sie die 75% Umsatzausgleich kassieren. Weil gar keiner kommen KANN, wenn die Regeln in Kraft treten. Beschissen aber wahr. Niemand will diese Abhängigkeit, wir alle schätzen es, für unser Geld arbeiten zu können. (Es ist ein Privileg. In Zukunft eins der größten, vermutlich). Jetzt pausieren wir wieder. Wir tun das, damit alle anderen weiter machen können. Für ihre Gesundheit und Sicherheit. Aus Solidarität.

Aber wir fordern sie zurück.

Ich fordere das. (Und ich bin auch bereit, meinen Teil dazu zu tun. Na klar.)

Liebe Mitbürger, wir brauchen eure Solidarität.

Bitte erkundigt euch bei „euren“ Theatern, Kinobetreibern, Orchestern, Ballettensembles, Autoren, Lesebühnen, Restaurants, Veranstaltern und fragt, wie ihr sie unterstützen könnt. Ihr tut das für euch selbst. Oder habt ihr Lust, nach Corona nie wieder in eurem Lieblingscafe einen Cappuccino zu bestellen? Nie wieder ins Kino zu gehen? Kein Theater mehr? Keine Konzerte?! Immer nur Internet ist auch nicht geil. Corona ist ein Charaktertest. Jetzt kommt es auf jeden Einzelnen an. Isso. Auch auf die Veranstalter übrigens. Die dafür verantwortlich sind, das Geld, dass Ihnen zur Verfügung gestellt wird, auch anständig an ihre Arbeitnehmer weiter zu geben. Auch an die freischaffenden Kollegen, wenn es geht. Alles andere wäre fatal.

Und ihr, liebe Kolleg*innen? Solltet unbedingt HIER mitmachen:
„Um unserem Unmut über den Umgang mit Kunst und Kultur Ausdruck zu verleihen, werden wir am Montag, den 02.11.2020 um 20 Uhr Videos, Livestreams und Beiträge unter dem Hashtag #SangUndKlanglos auf allen verfügbaren Medien veröffentlichen, die individuell dargestellt Stille zeigen. Von den großen Kulturinstitutionen bis zum einzelnen Künstler sind alle herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. „Alarmstufe Rot“ wird uns dabei unterstützen. Wir, die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Bayrische Staatsoper und viele andere Orchester werden beispielsweise zum Konzert auftreten, aber nichts spielen. Und nach ca. 20 Minuten Stille wieder abtreten. Seid gerne kreativ. Ob Livestream aus dem Proberaum, Wohnzimmer… oder nur ein Stillleben (Notenständer, Staffelei, Ballettschuhe)“

Zusammen sind wir viele!

Raus aus der Konkurrenz! Dabei werden eh nur wenige siegen. Die, die das Internet jetzt schon dominieren. An die richtet sich mein Appell übrigens auch: Nutzt Eure Präsenz für unser aller Sache. Macht hier mit. Auch die Promis unter uns, können kleine Kultureinrichtungen supporten. Tretet doch mal umsonst dort auf! Wenn’s wieder geht. Ich weiss, ihr habt auch einen Marktwert zu verteidigen, aber der nutzt ja auch nur, wenn es den Markt noch gibt, auf dem der gehandelt wird. Radiosender! Öffentlich-Rechtliche Fernsehanstalten! Beteiligt euch! Wir arbeiten FÜR EUCH! Wenn all die Kleinen, die den Laden genau so am Laufen halten, wie die Mächtigen unter uns, demnächst fehlen werden, gehen auch bei euch die Lichter aus. Solidarität für Sicherheit! (Till Brönner, dessen Gedanken ich
HIER teile, hat das sehr gut angeregt.) Und jetzt: Teilt diesen Beitrag! Oder kopiert halt den Aufruf raus und teilt nur den. Ich baue auf euch! Am Montag, 20:00 Uhr! In aller Stille. Und Geschlossenheit.

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