#SozialeInteraktionimSupermakt #EineHaptischeWahrnehmung

In Düsseldorf gibt es Haptiker. Vermutlich auch in anderen Städten aber ich wohn ja hier, deshalb ist es mir wohl hier zuerst aufgefallen. Z.B. diese Frau: Sie stand auf der Brücke im Park, wehende Haare, der Scheiß halt, und hielt ihren winzigen Säugling mit ausgestreckten Armen über das Wasser. Ich hab sie gefragt, ob alles ok ist. Ich wollte sehr ungern Zeugin werden, wie ihr das Baby entgleitet und ins Wasser plumpst. Man weiß ja nie, es gibt ja auch Kindbettdepressionen und sowas. Sie hat mir die Sache dann erklärt. Also, dieses Haptikerding. Es geht irgendwie um körperliche Erfahrungen für Eltern und Kind durch den völligen Verzicht auf Krücken. Mit Krücken meinte sie sowas wie „Geräte zur Beförderung des Kindes“. Meinen Kinderwagen z. B. Den hat sie sehr lange angesehen, als sie „Krücken“ sagte. Aber ich kann mich täuschen. Der Frau bin ich noch öfters begegnet. Sie war eigentlich nie zu übersehen, wenn sie da war. Immer stand sie irgendwo, meistens in Wassernähe, hielt das Kind auf den ausgestreckten Armen und ließ ihr gelöstes Haar im Wind rumflattern. Auf jeden Fall schön anzusehen. Und: klar, dass sie rum stand. Einkaufen oder so, das stell ich mir ja eher schwierig vor, wenn man haptisch unterwegs ist. Ich weiss nicht, ob ich bereit wäre auf das tägliche Einkaufen zu verzichten. Der soziale Akt würde mir fehlen, denke ich. Allerdings stand unlängst einer vor mir an der Kasse im Supermarkt. Ich hab ihn nicht gleich als Haptiker erkannt. Ich stand ja hinter ihm, da hab ich das Kind nicht gleich gesehen. Er hatte die Jacke drüber. Überm Kind. Offensichtlich verzichtete er tatsächlich nur auf „Krücken“, weitere Einschränkungen sind mir nicht aufgefallen. Er kaufte ein wie ich und du. Er war zweifellos ein erfahrener Haptiker. Er hatte das Portemonnaie zwischen den Zähnen, das Baby unter dem rechten Arm, Jacke drüber, und in der Linken hielt er ein Bier, ein Päckchen Butter und ein Netz Orangen. Was man halt so braucht. Ich konnte die körperliche Erfahrung, die er gerade machte förmlich riechen. Aber ich fand es toll, wie er sie annahm. „Es ist doch toll, sich einer Herausforderung im Alltag zu stellen“ dachte ich gerade, als ihm das Portemonnaie entglitt. Und seitdem bin ich eigentlich Haptikerfan. Ich habe nämlich sein Geld aufgesammelt. Er konnte nicht, weil das Baby jetzt anfing, sich brüllend unter seiner Achsel raus zu winden. Das Geld war überall. Unter der Kasse, unter dem Regal mit Süßigkeiten, sogar bis zum Eingang waren einige Münzen gerollt. Ich habe alles megahaptisch eingesammelt und war dann fast so verschwitzt, wie der Haptiker selbst. „Hier rein“ brüllte er mir zu (das Baby war ziemlich laut) und hielt die Börse auf. Und das kann man ja auf jeden Fall als sozialen Akt einstufen. Wenn nicht als soziale Interaktion. Wenn es den Haptiker nicht gegeben hätte, hätte ich mich definitiv WENIGER bewegt an diesem Tag, angefasst hätte ich auch nicht ganz so viel und ob es im Supermarkt sonst zu SOZIALEN INTERAKTIONEN gekommen wäre, ich glaub’s ja nicht. Ist auf jeden Fall nicht die Regel. Und es ist doch immer schön, wenn etwas unvorhergesehenes daher kommt und einen bewegt. Ich danke den Düsseldorfer Haptikern dafür!

 

Du magst vielleicht auch

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.