#Showtime

Für eine gute Show kann ich mich ja total begeistern. Die besten sind die, die einfach so aus dem Moment heraus entstehen, ohne dass es vorher irgendwelche flashmobartigen Verabredungen, oder stundenlange Proben oder irgendwas gegeben hätte. Neulich z. B. lieferte meine Freundin mit ihren beiden Töchtern völlig spontan eine verdammt gute Show in einem Düsseldorfer Straßencafé ab. Und dafür liebe ich sie. Alle drei. Den Aufhänger machte die Zweijährige, die ein weiteres Eis haben wollte. Leider war keine Eisdiele in der Nähe. Und ausserdem hatte sie kurz vorher schon eines gegessen. Ein Großes. Aber es gibt einfach diese Momente, wo das subjektiv empfundene Unglück die komplette Wahrnehmung dominiert. Und wenn man erst zwei Jahre alt ist, dann ist es schwer, sich gegen diese Empfindung erfolgreich zur Wehr zu setzen. Hier gelang es auf jeden Fall NICHT. Das Unglück gewann die Oberhand und steuerte sein kleines Opfer laut schreiend zwischen die Bestuhlung des Straßencafes. Ihre Mutter, eine große, wirklich sehr schöne Frau, mit Cowboystiefeln, Rock und sehr langen Haaren, rannte, was blieb ihr anderes übrig, hinter ihr her. Das Cafe war allerdings recht verzwickt  aufgebaut, fast labyrinthartig, und die Kleine hatte natürlich den Vorteil, dass sie auch unter den Tischen durch laufen konnte. Zuerst versuchte meine Freundin, die Situation zu retten, indem sie es wie EIN SPIEL aussehen ließ. Sie spielte eine Art großen Vogel, der vergnügt hinter seinem schreienden Vogelküken herhüpft um es wieder einzufangen. Ihre Arme waren ein riesiger Schnabel, der auf- und zuschnappte und ihre langen Haare machten Wellenbewegungen durch das ganze Cafe hindurch. Sie rief auch irgendwas sehr fröhliches, vogelartiges, aber ich habe den genauen Wortlaut vergessen. Vielleicht hat sie auch einfach gekräht oder gepiepst oder so. Auf jeden Fall hätte ich sie gerne fotografiert. Es war eigentlich High Fashion. Allerdings haben die Düsseldorfer ja ein eher eigenes Verhältnis zu dem, was Mode ist. Oder Schönheit. Es gibt ja auch eine Schönheit des Augenblickes und die geniesst man besser still. Für sich. Nicht wie dieser Typ, dessen Bierglas durch die Jagd vom Tisch gefegt wurde und der „Kind, geh doch zum Schreien nach Hause“ hinter den beiden herrief. Ältere Leute sind ja manchmal nicht ganz so begabt darin, kleine Kinder zu bändigen. „Kacka“! „Du bist Kacka!“ schrie das Unglück aus dem Kind heraus. Meine arme Freundin. Mit ihrer super Krähenperformance war sie mitten in eine öffentliche Präsentation über Kindererziehung hineingehüpft. Die ganze, geriatrische Besetzung des Cafés wartete auf ihren Einsatz. „Jetzt bin ich aber böse, du!“. Sie VERSUCHTE es ja, aber es war nicht ihr STIL, es passte einfach nicht zu ihr. Sogar die Düsseldorfer spürten das. (Man kann ihnen nicht das Feingefühl absprechen, nur weil sie Knallfarben und Strasssteinchen lieben. Sie können nichts dafür, dass ihre Stadt fälschlicherweise als Modemetropole bezeichnet wird. Sie tun ihr Bestes, um dem zu entsprechen und wenn man über die Resultate hinweg sieht, sind sie eigentlich ziemlich großartig). In diesem Moment gab es nicht eine Oma, nicht einen einzigen Opa, der nicht voller Erwartung zu der Kleinen sah. Sie war dran. Und da zeigte sich, was für ein verdammtes Talent in ihr steckte: Showtime! Sie sprang mit schrillem Schrei in ein abgesperrtes Bauloch auf dem Bürgersteig neben dem Straßencafé hinein. Es war so cool und so verdammt mutig und überraschte uns alle und war einfach wunderbar. „NEEEIN“ schrie meine Freundin. Diesmal wirkte es völlig authentisch. Sie schoss hinterher und zog mit kraftvollemSchwung ihre Tochter aus der Baustelle. Dabei knallte, es war ja der Höhepunkt, ihr kleiner Kopf an eine Gerüststange. „Aua,“ brüllte das Kind, in vollem Bewußtsein seiner absoluten Hauptrolle bei diesem Auftritt „du Scheißmama hast mir weh getan“. Nun gibt es aber ein Ritual zwischen meiner Freundin und ihrer kleinen, süßen Ausgeburt der Hölle. Und zwar beruhigt sich die Kleine in besonderen Situationen an der Brust. Und jetzt, genau jetzt war so eine Situation. Da standen sie also, meine wunderschöne Freundin und ihre starke kleine Tochter: Mitten in einem Straßencafé in Düsseldorf. Stillend. Ein Bild der Liebe. Und jetzt kommt der zweite, also der ECHTE Höhepunkt. Für sowas sind ja meistens jüngere Geschwister zuständig. Niemand sonst hat so ein feines Gespür für Timing, wie jüngere Geschwister, wenn sie um Aufmerksamkeit kämpfen. Und niemand sonst kann so markerschütternd schreien. Meiner Freundin bleib nichts übrig, als das andere Kind an ihren anderen Busen anzulegen. Mitten im Straßencafé. In Düsseldorf.  Voller sprachloser Omas und Opas. Mit zwei starken, schönen Töchtern, glücklich vereint.

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