Selbstoptimierung. Form follows Funktion

#selbstoptimierung#multipleoptimisingforce

Selbstoptimierung ist totale Scheiße. Wirklich. Wenn man ein Brigitte MUM Blog schreibt, kommt man um das Thema allerdings nicht herum. Und ich schreib ja eines. Das trifft sich gut. Weil: Ich bin DAGEGEN. Angeblich sind Frauen, insbesondere solche, die sich für’s Kinder- kriegen entschieden haben, da total scharf drauf. Schon das ist natürlich Bullshit. Die Männer sind natürlich die, die es WIRKLICH wollen. Und ich bin sowieso drüber hinweg. ‚Ne Zeitlang hab ich das trainiert. Deswegen hat mein Sohn jetzt ’ne Narbe am Kinn. Optimal geht anders.

Naja. Angefangen hab ich ja mit eher einfachen Optimierungsaufgaben: Schminken während man einen mit Einkäufen und Kind vollgepackten Kinderwagen durch den Park schiebt. Sowas.

Zu Beginn könnte es vorgekommen sein, dass ich dabei meinem Kind statt eines Apfelschnitzels meinen Lieblingslippenstift nach vorne durchgereicht habe. Aber Kinder sind ja total kooperative Wesen. Mein Sohn hat den Lippenstift auf jeden Fall nur PROBIERT. Der Körper sagt ihnen da auch ganz schnell: „Nee, das brauchst du gar nicht, verlange lieber mehr von den grünen Dingern, die nach Apfel schmecken“.

Und solche Aussetzer hat man auch schnell wegoptimiert. Spätestens, wenn alle Lippenstifte aufgegessen sind. Eine effektive Trockenübung ist es auch, einen Lidstrich auf wackligem Untergrund zu ziehen, während einem ab und zu leichte Schläge und Schubser verpasst werden. Das Busfahrem mit Kinderwagen und Großeinkauf eignet sich hier als Übungsplatz.

Im Rheinland ist so was kein Problem, speziell in Düsseldorf. Da guckt niemand komisch, wenn man mal als Indianerin aufkreuzt. Die Düsseldorfer kennen das. Vom Karneval. Und schließlich hat Amy Winehouse ja auch mit Riesenliedstrichdingern Karriere gemacht. Zeitweise zumindest.

Aber: Achtung! Solche Praktiken sind stark suchtgefährdend. Man gerät da ganz schnell in einen multiplen Optimierungszwang. MOF. Multiple Optimising Force. Oder so ähnlich. Ihr wisst schon. Man übt dann ständig zwanghaft möglichst viele Tätigkeiten gleichzeitig aus.

Man geht z. B. joggen. Also als BASIS. Joggen verbessert die Kondition (schneller Einsatz beim Krisenherd Kind), ist angeblich gut für die Gesundheit (die Eigene!) und die Figur profitiert auch (wenn man noch eine hat). Und jetzt wird es interessant, jetzt kommt die Kür: Laufend kann man der Sprachaufnahmeapp schon mal die ToDo Liste für später diktieren. Dann beim Bäcker vorbei joggen und Brötchen holen. Oder auch mal einige Zweige von herabhängenden Ästen und ergänzend einige Blümchen aus einem besonders ansprechenden Vorgarten abreissen. Letzteres ist natürlich nicht ganz korrekt, klar, aber letztendlich werden sich diese Praktiken durchsetzen. Spätestens wenn die entsprechende JOGGINGAPP FOR BUSY WOMEN per GPS Ortung mit der Laufroute auch gleich ein hübsches Blumenbouquet errechnet. Dann kommt da keine mehr dran vorbei: Schöner Wohnen, schöner Aussehen, schneller Rennen und dabei noch Brötchen holen.

Mehr MOF geht nicht.

Seit letztem Samstag allerdings, bin ich runter von der Droge. Letzten Samstag bin ich eins zu weit gegangen. Da hatte ich die unselige Idee, meinen Sohn in meine Praktiken einzubeziehen und hab ihn zum joggen mit genommen. Ich dachte, so lernt er was. Hat er auch. Leider das Falsche.

Ich hab nämlich das Gefälle auf meinem Laufweg nicht mit bedacht. Und diese Superapp für Mütter, die is ja noch gar nicht auf dem Markt, die hat also ihr hoffentlich integriertes Frühwarnsystem auch noch gar nicht aktiviert. Deshalb hatte ich auch beide Hände voll (Brötchen, Blumenbouquet) als mein Sohn mit seinem Laufrad auf dem Gefälle nicht mehr zum Stehen kam und mit Karacho vor ein Mäuerchen bretterte. Ein Blumenbouquet und eine Brötchentüte können einen Sprint enorm verlangsamen. Mann kennt das. Aus entsprechenden Alpträumen.Hinter dem Mäuerchen war leider auch noch der See. Nun. Das Laufrad wurde vom Mäuerchen zum Glück immerhin gebremst, der Sohn aber flog, dank Fliehkraft in hohem Bogen in den See. Platsch.

Seitdem ist mir klar: Es wird IMMER Luft nach oben geben. Ausser man hat Glück. Meine Freundin z. B. wohnt direkt neben der Kinderklinik. Die muss nicht – wie ich – regelmäßig mehrere Kilometer mit kaputtem Navi und stark blutendem Kleinkind zurück legen, um da einzuchecken. So wie ich am Samstag. Im Joggingoutfit. Ungeduscht. Mit dreckigen Händen. Vom Blumenabreissen.

Ich schätze, die Glückliche verbindet diesen Gang mit dem Auftragen ihres Lieblingslippenstiftes. Aber es kann halt  auch nicht JEDE Jungsmutter direkt neben der Kinderklinik wohnen, da sind die Kapazitäten ja auch begrenzt. Und ausserdem ist da kein Park in der Nähe.

Ne. Man muss Proiritäten setzten. Kann nicht alles können. Darf auch mal ungeschminkt und sportfrei einfach so vor sich hin leben. Zu was soll das denn führen, alles? Schlussendlich sorgt die ständige Überstimulanz noch dafür, dass einem ein dritter Arm raus wächst oder so. Da kann ich mich dann wieder abmühen, den aus dem Spiel zu lassen, falls ich beruflich so eine zweiarmige Durchschnittsfrau darstellen muss. Solls ja geben, solche.

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