Mein Leben als Totalnomadin. Mobiles Arbeiten mit Kind und ohne Kegel. Geht!

#Kindheitausdemkoffer #Mobilesarbeiten #Totaleflexibilität

So. Ich wurde heute zu früh ins Theater bestellt, hab nen falschen Probenplan bekommen, und daraus wurde, völlig überraschend, eine freie Stunde inklusive betreutem Kind und allem, und nett wie ich bin, nutz ich die natürlich gleich für den angekündigten Blogpost über mein Leben als Totalnomadin in Begleitung meiner Kinder. Und zwar nicht um mein Privatleben hier auszubreiten, dass mach ich ja schon die ganze Zeit auf facebook (hier sowieso) sondern um die Erfahrungen die wir hier gerade machen, meine kleine Familie und ich, mit Denen zu teilen, die in einer ähnlichen Lage sind. Mit all Denen nämlich, die beruflich viel reisen müssen und trotzdem Kinder groß ziehen.

Seit Oktober sind wir unterwegs. Berlin, Lindau, Berlin, München, Hamburg, Nürnberg. Die wahren Großstädte der großen, weiten Welt eben.

Früher traf die Sache mit dem Reisen übrigens die Privilegierten, die Diplomatenkinder. (Nicht NUR, natürlich, aber AUCH, immerhin). Ich weiß das, weil wir hatten ein Diplomatenkind in der Klasse, früher. Das war dann eben nur manchmal da. Natürlich war es ein Außenseiter. Aber kein uncooler. Ganz im Gegenteil. Das Diplomatenkind brachte den Flair der großen, weiten Welt mit in unser Klassenzimmer. Wir hatten immer schon vorher ausgehandelt, wer dann wieder neben ihm sitzen durfte. Wenn es denn mal wieder da war, das Diplomatenkind.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass ich für privilegierte Kindheiten und so was plädiere. Für Vielfalt allerdings. Und Offenheit. Aus Notwendigkeit. Und dazu gehört ja auch,  anzuerkennen, dass es Eltern gibt, deren Berufsrealität leider (und zum großen Glück), nichts mit einem nine-to five Job zu tun hat. Sondern dass es Eltern wie z. B. uns gibt, die tatsächlich eine nicht unerhebliche Zeit im Jahr in anderen Städten arbeiten. Müssen. Weil eine Stadt allein gar nicht genug Jobs für sie bereit hält. (Wenn sie überhaupt welche zu bieten hat. Aber ich will mich nicht beklagen. Im Oktober war ich in Düsseldorf zu einer Lesung (meiner Texte) eingeladen. Allerdings mußte ich mich da von meinem Mann vertreten lassen. Weil ich da grad in München gebucht war. Ausgeichende Gerechtigkeit, sorry Düsseldorf!).

Ich denke, wir Schauspieler, wir sind da sowieso nur die Vorarbeiter. Wir sind die, die ein Abbild der Gesellschaft darstellen, und zwar nicht nur AUF der Bühne oder VOR der Kamera, sondern eben auch dahinter und VORNEWEG. Also zukünftig. In die Zukunft weisend. (Meine Lieblingstheorie vom Leben und Arbeiten als Schauspieler-in. Mehr dazu hab ich hier schon beschrieben). Maximale Flexibilität usw. das sind sie doch, die Skills von morgen. Und wir schlagen uns halt heute schon damit herum. Ein reines Vergnügen ist es nicht. Realität ist es halt. Unsere Berufsrealität. Und vielleicht birgt es auch Chancen und interessante Erfahrungen. Vielleicht. Ich halt mal Ausschau nach Denen und berichte dann. Im Zweifel.

(Mann kann natürlich auch als Schauspieler fest ans Theater gehen, aber inzwischen sind ja auch das zeitlich eher begrenzte Angebote. Ist auch nicht so super für ein Kind wenn es alle vier- bis fünf Jahre irgendwo komplett neu anfangen muss. Vielleicht sogar schlimmer, als wenn das Kind phasenweise mit einem Elternteil nur per Skype kommuniziert oder, wie gerade von uns praktiziert, die Familie sich einen Monat in zwei Hälften teilt, von denen die Eine in Nürnberg ein Theaterstück probiert und die Andere probiert ein Theaterstück in Hamburg. Vielleicht). Naja.

Wir probieren auf jeden Fall gerade die zweite Variante aus und davon wollte ich ja berichten:

Mein Sohn ist für einen ganzen Monat schulbefreit. Die Lehrer seiner Schule unterstützen uns großartig. Er bekommt den Stoff per Mail vermittelt, und schickt regelmäßig seine Hausaufgaben zurück. Für Klausuren reist er teilweise an, es ist aber auch geplant, dass er Klausuren unter Aufsicht seines Vaters in Hamburg schreiben und zur Korrektur und Bewertung nach Düsseldorf schicken darf. Die mündliche Mitarbeit wird durch Referate beurteilt, die er selbständig vorbereiten muss.

Und der Kleine hat eine wunderbare Kinderfrau in Nürnberg. Sowas funktioniert natürlich nur, wenn die entsprechenden Institutionen (Schule, Arbeitgeber) einen entsprechend unterstützen. Und das erlebe ich hier gerade. Einen großen Dank an dieser Stelle an das Nürnberger Staatsschauspiel und das Görres Gymnasium Düsseldorf. Die tendenziell tödliche Erschöpfung, die daher kommt, dass ich entweder Probe oder meine 100%ige Aufmerksamkeit meinem drei jährigen Begleiter widme, hat auf jeden Fall nix mit Euch zu tun!

Schlechtes Gewissen hab ich natürlich trotzdem. Ist es gut für einen Dreijährigen, einen Monat in einer Gästewohnung abzuhängen? Mitten in der Innenstadt? Theaternah zwar, sehr super, aber auch mitten im weihnachtlichen Geschäftstrubel? Sein abendliches Einschlafmantra der ersten Woche war: „das wünsch ich mich, das wünsch ich mich, das wünsch ich mich, das wünsch ich mich“. (Er ist noch nicht ganz grammatik-fest, mein Kleiner. Aber sehr empfänglich. Der tägliche Besuch mehrerer Spielzeugläden und das Besichtigen der obligatorischen Steifftierausstellung bei Kaufhof (wir wohnen quasi beim Kaufhof gegenüber), hat ihn vorübergehend in einen tendenziellen Kaufrausch versetzt. Wenn man das so nennen kann, bei einem nicht geschäftsfähigen Dreijährigen. Vergnügungssüchtig ist er ausserdem: DB Museum, Weihnachtsmarkt, Bimmelbahn, Tiergarten, die arme Kinderfrau muss die Zeit ja irgendwie auch rum kriegen…

Am Ende wird es wohl besser für ihn sein, den kleinen Weltenbummler, wenn er dann irgendwann wieder seinen Kindergarten besucht. In täglicher Routine. Und dann wird sich’s ja vielleicht zeigen, was die Erfahrung, dass man auch anders leben kann, in einer anderen Stadt, zusammen mit anderen Menschen, die ein bisschen anders sprechen, (fränkisch) dann mit ihm gemacht hat.
Den ersten Vollkaufrausch zu erleiden, wenn man ein komplett illiquider Dreijähriger ist, also das härtet bestimmt super ab. Er wird dann sicher mal ganz vorne mit dabei sein, wenn es darum geht, diesem ganzen Konsumterror, diesem Scheiß-Großstadt-hedonismus zu wiederstehen. Hö hö. Well. Schön wär’s. Ich les‘ ihm später, wenn er in der Pupertät ist, und mich fragt, warum er eine Kindheit aus dem Koffer erleben musste, diesen Artikel hier vor. Hoffe nur, dass er dann immer noch so ein humorvoller Typ ist wie jetzt. Ne, echt jetzt, liebe Freunde, Leser und Verwandte, ich geb mir wirklich MÜHE. Und es scheint tatsächlich sehr viel besser zu gehen, als ich befürchtet hatte. Mit dem Großen übrigens auch. Und das ist doch vielleicht wirklich ganz gut zu wissen. Für den ein oder anderen Betroffenen.
Reise-Adventskalender

P.S. Die Sache mit dem Diplomatenkind ist übrigens frei erfunden. Weiss auch nicht, warum. Wahrscheinlich weil es einfach so gut tat, sich das vorzustellen. Das Gehirn macht solche Sachen. Selbstbetrug per Phantasiereise. Danke für’s mit reisen! 🙂 In alter Frische: Eure Mary Reili

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