Lebt ihr noch oder wohnt ihr schon?

Kleid: Marianna Deri, Düsseldorf

Ich suche einen neuen Raum. Keine Wohnung, die habe ich, zum Glück, aber einen Raum der Verständigung. Und daran ist ausgerechnet IKEA schuld. Der Billo-Raumausstatter, dem jeder von uns, so schätze ich, ab und zu einen Besuch abstattet. Einer der Gewinner der Coronakrise sicherlich. Muss so sein. Seit Wohnen das neue Leben ist. (Lebt ihr noch, oder wohnt ihr schon?)

Ich, war auch unlängst wieder da. Ich wollte eigentlich nur rein und dann ganz schnell wieder raus.

(Hatte mein „Möbel“ schon online ausgesucht, musste es nur abholen). Aber bei IKEA geht das nicht. Die Ausstellung im Obergeschoss will man irgendwie doch immer sehen. Weil es da so hugge ist. Und danach hat man auf jeden Fall irgendwas entdeckt, was man doch gerne in die eigene Wohnung „integrieren“ würde. Duftkerzen. Bunte Servietten. Dekokissen. Und eine Packung Köttbullar. Tiefgefrohren.

Zum Glück war ich nicht allein. Ich hatte meinen Mann dabei. Er fuhr den Einkaufswagen (das Möbel war recht schwer) und stellte sich damit an der Kasse an. Ich musste kurz raus, um die Kinder zu Hause anzurufen. Wollte fragen, ob wir lieber Köttbullar (tiefgefrohren) oder Hotdogs (tiefgefrohren) zum Mittagessen mitbringen sollen. (Die Antwort war Hotdogs, falls es euch interessiert).

Und als ich fertig war, mit dem Gespräch, das ich draussen führen musste, im Eingangsbereich, wg. der Maskenpflicht (ein positiver Aspekt der Coronakrise: Kein lautes Telefonieren mehr im geschlossenen, öffentlichen Raum, mit Maske funktioniert das einfach nicht) bin ich fast geschlagen worden. Natürlich von einem Mann. Wenn auch nicht dem eigenen. (Achtung: Ironie. Mein Mann schlägt nichts und niemanden.)

Der Mann, der auf mich zurannte, mit erhobenem Arm, war Turnschuhträger. Und Warnwestenträger war er auch. Aber die Turnschuhe sind mir trotzdem zuerst aufgefallen. Weil sie noch bunter als die Weste waren. Superbunte Turnschuhe trug der Mann. Mit Fersenplateau. So bunt und skurril verformt, wie mein Sohn sie tragen wollte, kurz bevor er in die Pupertät gekommen ist. (Seitdem hat er einen sehr guten Geschmack).

Der Mann allerdings war mit der Pupertät schon länger durch. Er bewegte sich (in seinen bunten Turnschuhen) schon unmittelbar auf die Rente zu. Ich schätzte ihn auf 60+ . Trotz der Muskeln, die er unter seiner Weste trug.

Mein Gehirn suggerierte mir sofort ein Bild von ihm: Er stand darin im Fitnessstudio und stemmte Gewichte in die Luft, bis seine schlaffen Tatoos zitterten. Vor Anstrengung. Ja, das musste der Mann vorher gemacht haben. Vor seiner Anstellung als Sicherheitsbeauftragter bei IKEA Düsseldorf. Ausser er war immer schon Sicherheitsbeauftragter und die Muskeln gehörten da dazu. Zu seinem Job. Krass. Zu meinem Job gehört ja auch eine gewisse Imagepflege, also körperlich. Latente Diät, ein bisschen Chirurgie, Hyaluron und Nervengift. Aber das kostet ja eher Geld und weniger Zeit.

„Respekt“ dachte ich deshalb, als der Mann auf mich zu rannte. „Respekt vor so viel Investition in den eigenen Beruf.“ Dann wich ich aus. Er hätte mich sonst umgerannt. Er nahm seinen Beruf auch sonst sehr ernst, der Mann. Er setzte sich ein. Für die Sicherheit.

„Sie DÜRFEN hier nicht rein!“ schrie er und fuchtelte mich an. „Kehren sie sofort um!“ „Warum?“ schrie ich zurück, obwohl der Mann inzwischen direkt vor mir stand. (Ihr kennt das sicher. Wenn einer einen anflüstert, flüstert man automatisch zurück. Das selbe passiert, wenn einer schreit. Unbewusste Synchronisation. Chamäleoneffekt nennt man das. Es zeigt, dass man sich dem Gegenüber nähern will. Deshalb passt man sich ihm an.) Leider geht der Effekt bei negativer Kommunikation und erschwert von Gesichtsmasken, nach hinten los.

„Ja können Sie denn nicht lesen?!“ „Äh.. doch eigentlich schon.“ „Das ist ein AUSGANG hier!“ „Oh! Ja, das kann ich lesen.“ „Warum gehen sie denn dann zum Ausgang REIN?!“ „Ah, ok, das kann ich erklären: Sehen Sie, mein Mann steht da schon an der Kasse, da vorne, sehen sie? Der Dunkelhaarige. Ich bin nur kurz zum telefonieren raus und warte hier auf ihn, ok?.“ „Nix da. Sie müssen zurück.“ „Durch die Markthalle?“ „Allerdings. Sie stellen sich jetzt schön wieder hinten an.“ (Vor IKEA hatte sich eine labyrinthartige Schlange gebildet. Begrenzte Kundenzahl und Einlasskontrolle. Man kennt das jetzt)

„Oh jeh. Echt jetzt?!“ „Bei Zuwiederhandlung droht Ihnen Hausverbot.“ „Ja, ist ja schon gut, sehen sie, er zahlt gerade, es handelt sich nur noch um einen Moment.“ (Mehrere Wartende in der Schlange einen Meter weiter, hinter dem Absperrband, sie stehen dicht gedrängt, sind inzwischen auf unsere Diskussion aufmerksam geworden. Den Sicherheitsbeauftragten spornt das an:

„Wollen sie uns alle umbringen?“ „Was? Äh.. wie bitte?“ „Wir leben in einer Pandemie! Wer sich nicht an die Sicherheitsregeln hält, gefärdet Menschenleben. Ist ihnen das eigentlich klar?“ „Ich darf also nicht hier warten?“ (Der Ausgangsbereich, in dem ich warte, ist grundsätzlich leer, einige Kunden schieben mit erschöpften Gesichtern ihre Möbelstücke und Duftkerzen Richting Parkplatz raus.) „Nein. Sie könnten andere Kunden anstecken, wenn sie hier stehen.“ „Aber ich lasse die Maske an.“ „Soll ich die Polizei rufen?“ „OK, ich geh ja schon.“

„Ja!“ schreit einer in der Schlange neben uns, „rufen sie doch die Polizei!“ „Der Mann macht doch nur seinen Job.“ Eine hitzige Diskussion beginnt. Zum Glück kann ich nicht teilnehmen, ich muss mich ja ganz hinten anstellen.

Was soll ich sagen. Auf dem zweiten Rundgang durch die IKEA Markhalle ist man deutlich weniger resistent. Aber der nächste Shutdown soll ja (ständig) kommen und dann ist es gut, wenn wir genug Servietten zu Hause haben. Und Duftkerzen. Und rosa Pappschachteln, in denen wir die Duftkerzen aufbewahren können.

„Deine Gesundheit und Sicherheit liegt uns am Herzen!“ rief eine IKEA-mäßig motivierte Männerstimme (diesmal eher jugendlich) per Durchsage in Dauerschleife durch die Markthalle, während ich mich zwischen Grapefruit (eher sommerlich) oder Cranberry (schon frühherbstlich) beim Duftkerzensortiment entschied.

Die Sicherheit ist wichtig, klar. Gesundheit ist ein hohes Gut. „Ein Gesunder hat 1000 Wünsche, ein Kranker einen einzigen.“ Ich weiss das wohl. Und fühle mich trotzdem immer wieder wie in einem dystopischen Kathastrophenfilm.

Meine Mutter ist an Krebs gestorben. Auf den Tag genau vor fünf Jahren. Während ihrer Krankheit hat sie versucht, das kurze Leben, das so überraschend für sie übrig geblieben war, so intensiv wie möglich auszuschöfpen. Es ging darum, der Krankheit keine Zugeständnisse zu machen. Ihr so wenig Raum wie möglich zu überlassen. Und als der Tod dann kam (ich war dabei) hat er „Carpe diem“ zu mir gesagt. „Sei dankbar und nutze den Tag.“

Wir müssen aufpassen. Dass das Virus sich nicht ausbreitet. Dabei helfen Maskenpflicht, Corona-app und Abstandsregel, deshalb sind die gut. Aber wir müssen auch aufpassen, welchen Raum wir der Krankheit zugestehen. Und der Angst vor ihr. Damit uns nicht die Luft zum Atmen fehlt, bevor wir überhaupt Viren abbekommen haben. Die kleine Entgleisung, die ich bei IKEA erlebt habe, ist natürlich als harmlos einzustufen. Trotzdem schimmert etwas durch. Eine Tendenz.

Wir müssen aufpassen. Fragen stellen. Beobachten. Nach Antworten suchen. Uns mitteilen. Und ernst nehmen. Uns gegenseitig zuhören. Ich suche noch den Raum dafür. FB ist es nicht. Mit Kommunikation hat das, was da abgeht, kaum noch was zu tun. Wo aber ist der Ort dafür? Ich weiss es nicht. Ich suche ihn. Wer sucht mit mir?

*Keine (unbezahlte) Werbung, trotz Namensnennung.

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