Künstlerpech

credit@DirkOssig

Am Sonntag vor einer Woche war irgendwie noch alles gut. Ein frühlingshafter Tag. Ich habe auf meinem Balkon Blumen ausgesäht. „Samenbombe Bienenschmaus“. Das klang vielversprechend. Und trotzdem war da so ein komisches Gefühl. In Italien lief das Virus aus dem Ruder. Sah nicht so gut aus, da.

Ich hatte nicht gehamstert, sogar über die Panikeinkäufe gelacht. (Obendrein habe ich in der RP eine Kolumne veröffentlicht, in der ich über die Hamsterer gewitzelt habe). Gestern habe ich mit 6 Packungen Mehl, Trockenhefe und 6 Litern H-Milch den Grundstein für meinen Notvorrat gelegt. Ungeplant. Auf meinem Einkaufszettel hat das gar nicht drauf gestanden. Ich hab einfach zugeschlagen. Wie all die anderen, im Supermarkt. Danach dachte ich: Ah, so fühlt sich das also an. Und was back‘ ich jetzt damit? (Her mit euren Rezepten bitte!)

Naja. Seit einer Woche sind wir nun auf Talfahrt unterwegs in einem richtig schlechten Film. Für mich hat es damit angefangen, das erste Projekte abgesagt, oder verschoben wurden. Da wusste ich: Jetzt ist es ernst. Heute, am Samstag, sitzen wir zu Hause, meine Söhne und ich und vor uns liegen fünf Wochen ohne Schule, ohne Kindergarten, ohne berufliche Aufgaben und ohne Enkommen in absehbarer Zeit.

„Komm, wir gehen ein Eis essen“, schlage ich vor. (Noch ist es erlaubt). „Die Lage checken“ sagt das kleine Kind. Der Große bleibt zu Hause, er kann sich mit seinen Freunden online treffen, in dem Fall ein Vorteil der Generation Z.

Im Supermarkt, an dem wir vorbei kommen, sind die Regale leer. Die Nudeln sind schon wieder aus. Hülsenfrüchte und Konserven auch. Hätt ich mir vor einem Momat nicht mal vorstellen können.

Dabei sind mangelnde Lebensmittel gar nicht das Problem. Der Kinderarzt hat mir erklärt, dass unter anderem Antibiotika knapp werden könnten. Ich frage die Aothekerin, wie sie das sieht. Die erzählt von Kunden, die sich an einem Tag von fünf verschiedenen Ärzten Rezepte ausstellen lassen und Medikamente zu Hause bunkern. „Die brauchen das gar nicht. Und irgendwann verfällt es dann“ sagt die Apothekerin und ist wirklich empört. Sie möchte da ein staatliches Reglement. „Sonst ist nachher für kranke Kinder nichts mehr da.“ Sie blickt auf meinen Sohn.

Mir wird kalt. Staatliches Reglement bei der Medikamentenausgabe. Um Gottes Willen. Nächster Gedanke: Soll ich vielleicht doch auch Paracetamol auf Vorrat kaufen? Brauche ich es? Ich bin schon wieder eine Darstellerin in einem Endzeitfilm. (Leider unbezahlt).

Ich kaufe eine Packung Paracetamol und Sonnencreme. Der Frühling kommt bestimmt. Mein Sohn bekommt ein Medizini Poster mit Babykätzchen drauf und eine kleine Tüte Husten-Gummidrops. (Er ist gut darin, aus jeder Situation das Beste raus zu schlagen). Jetzt läuft er schon mal vor zum Eiscafe und gibt seine Bestellung auf .

Das italienische Eiscafe ist voll besetzt. Die Gäste sitzen draussen, das erste Mal in diesem Jahr. Die meisten gehören zur Risikogruppe. Fahle Frühlingssonne wirft geringen Glanz auf Silberlöckchen, spiegelt sich auf Glatzen, Zigarettenrauch steigt in die Luft. Man trinkt Likör. Eine Mutter zieht ihr Kleinkind an der Hand vorbei. Es hat eine Rotznase und stellt sich interessiert an einen Tisch. Die Oma, die da sitzt, ist ganz entzückt, wie Omas es eigentlich immer sind, wenn Kleinkinder in ihre Nähe kommen. Sie reicht dem Kind ein Stück von ihrem Keks.

„Geht es noch?“ ruft die entsetzte Mutter, „da können doch Bakterien dran sein!“ „Ihr Kind hier ist doch viel gefährlicher als ein Stück Keks“ ruft ein Opa vom Nebentisch und wedelt in der Luft, als könne er den tödlichen Angriff, der von dem Kleinkind ausgeht, damit abwehren. „Wenn sie hier schreien, wirbeln sie aber auch ihre Viren durch den Raum“, sagt wiederum sein Tischnachbar und springt auf. Ich ziehe meinen Sohn beiseite, in Erwartung der geriatrischen Massenschlägerei die gleich ausbrechen wird.

„Signore e Signori!“ ruft der Eiscafe Besitzer „bleiben wir nett zueinder, sonst überleben wir das alle nicht.“ Er reicht dem Kleinekind einen Lolli und der Oma einen frischen Keks. Der Opa kriegt sein Himbeereis. Mein Sohn zerrt an meinem Arm, er hat zugeschaut und will jetzt auch einen Lolli haben. Ich hingegen bereue schon das Eis, das er gerade ißt. Ist das sicher? Wie verhalten Coronaviren sich auf Speiseeis?

Mir zieht der Sohn am Arm und der Schmerz am Herz. Wo soll das hinführen? Mein Dreh für nächste Woche, mein Casting, der Dreh danach – alles wacklig, auf unbestimmt verschoben oder bereits abgesagt. Ich muss an meine Kollegen denken. Hier sitzen die Alten im Cafe beisammen, weil sie da immer sitzen, es ist ihr liebster Zeitvertreib, ist auch viel besser für sie, als allein daheim zu sitzen, aber wir haben alle unsere Auftritte abgesagt, zum Schutz der Bevölkerung. Und zum eigenen Schutz, beruhige ich mich, als Wut in mir hoch kriecht. Überlastung des medizinischen Systems und so. Ich habe es kapiert.

Abends, beim letzten Fußballtraining auf unbestimmte Zeit, beklagt sich eine Mutter. Ihr Skiurlaub wurde abgesagt. Ich sehe mich bestätigt, die jammert um ihren Urlaub und ich verliere meine Jobs. Jetzt weint sie sogar. „Wir wollten meine Mutter besuchen. Sie lebt in Österreich und ist schwer krank. Jetzt kann ich sie nicht mehr sehen.“ Ich schäme mich sofort in Grund und Boden.

Jeder hat seine Geschichte mit dem Ding. Diese Sache wird für viele wirtschaftlich sehr hart ausgehen. Am Ende wird es trotzdem auch Sieger geben. Und wieder andere werden sterben an dem Scheiß.

Fies ist es trotzdem, dass ausgerechnet die Branche der Spaßmacher, all derer, die sich darum kümmern, dass die arbeitende Bevölkerung sich erholen kann, in Urlaub fahren, essen, feiern gehen, Musik hören, Bücher lesen, Filme und Theaterstücke anschauen, jetzt eine der Arschkarten gezogen hat. Und ganz vorne mit dabei: Der kleine Mann. Der freischaffende Darsteller, Musiker, Autor. Der Familienbetrieb, das symphatische Restaurant mit den selbst gebackenen Kuchen, die nette Buchhandlung von nebenan.

Was nun? Denke ich und mir fällt die Geschichte von der Maus Frederick (Leo Lionni) ein. (Ich habe euch hier ein youtube video dazu verlinkt, dass mir die Schuhe ausgezogen hat, wegen dieser Hände von dem Opa, der die Geschichte vorliest. Also ich steh auf so was…)

Oder die Geschichte vom Maulwurf und der Grille (Janosch): Die Grille fiedelt den ganzen Sommer lang auf ihrer Geige, „weil ihr das so gut gefiel“ und verpasst es, Futter für den Winter zu sammeln. Als der Winter kommt, steht sie in ihrem dünnen Kleidchen auf der Strasse. Mit der Geige unter dem Arm. Und kein Tier will sie beherrbergen, oder seine Vorräte mit ihr teilen. Zum Glück erbarmt sich der blinde Maulwurf. (Er wird mit ihrer Gesellschaft königlich belohnt).

Hoffentlich wird es der Spaßbranche und ihren Mitarbeitern ähnlich ergehen, wie der Grille und der Maus. Hoffentlich wird man es zu schätzen wissen, das wir den ganzen Sommer Musik gefiedelt haben, oder Farben gesammelt – für eine finstere Zeit.

In meiner nächsten Kolumne (Pandemie&Petition) habe ich euch ein paar Ideen zusammengstellt, wie man sich nun, abgesehen davon, dass man die momentane Situation einfach nur abwarten und aushalten muss, verhalten und engagieren kann, um uns Künstlern das, was nach Corona kommt, zu erleichtern.

So lange denke ich an euch alle! Frederick! Kleine Grille! Gib nicht auf! Man wird unsere Arbeit wieder brauchen. Bis dahin, bleibt bitte gesund.

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