Krasse Meinungs-sache. Der Untergang des Abendlandes.

Grünes Kleid: Marianna Déri

Es gibt so viel zu erzählen im Moment, ich komm nur leider mit dem Schreiben nicht ganz hinterher. Wird Zeit, dass ich vom Sechs- auf das Zehn-finger-system wechsele und ein Seminar zum Thema: TOTALE EFFEKTIVITÄT-DA GEHT NOCH MEHR IN DEINEM LEBEN, belege. Irgendwer hier, der so was lehrt? Ich bin dabei und buche gern! Aber, Schluss mit lustig, ich möchte heute, ausnahmsweise, mal meine MEINUNG hier veröffentlichen. Um dem Verdacht zuvor zu kommen, ich könnte keine HABEN. Ich habe eine. Jeder hat sie. Allerdings empfinde ich es zunehmend als Belastung, das jeder sie auch postet. Ganz Facebook ist voller Meinungen im Kurzformat, jeder hat die Beste, ich muss mich täglich überwinden, da noch online zu gehen. Mein Verdacht: Die Sache hat System. Nachdem wir uns dort alle vorgeführt haben, wie toll wir sind, wie geistreich, und wie unterhaltsam unser Leben, haben die einfach einen Keil hinein getrieben, in unsere schöne, neue, virtuelle Welt. Haben den schönen Schein zu Instagram verbannt, wo wir uns von einer Horde viel zu hübscher, viel zu reicher, viel zu dünner Mädchen terrorisieren lassen (können) und uns bei Facebook, wo immerhin die Sprache, der Gedanke eine Rolle spielt, gegeneinander aufgehetzt.

Alle empören sich jetzt ständig, jeder ist gegen ganz viele andere, die natürlich schuld an allem sind. Ich lese ständig irgendwelche Posts von Leuten, die ich total schätze, und dann regen die sich auch noch über irgend etwas auf. Beziehen Stellung, am liebsten für sich selbst. Zum eigenen Vorteil. Natürlich muss man eine klare Position  beziehen, es ist selbstverständlich super WICHTIG, eine Haltung zu all dem zu haben, was sich gerade abspielt. Aber macht es wirklich Sinn auf Facebook? Also inhaltlich? Für mich eben nicht. Egal wer wann was postet, stätestens der fünfte Kommentar ist schon gequirrlete Kacke. Und ich kann es manchmal kaum ertragen, wie sich alle in ihren Meinungen gefallen und ihre Facebook-freunde, die ja eh vermutlich, so lang es echte Freunde sind, nicht so viel anders denken, mit jedem Meinung-spost ein bisschen mehr belehren.

Die Plattform für den würdigen Kurzform-Diskurs ist einfach noch nicht entwickelt worden. Die bräuchte unbedingt mehr facetime und einen automatisch wirksamen Zei-tkomprimierer.

Für so viel Auseinandersetzung braucht man nämlich sehr viel Zeit. Wer hat die schon? Ich nicht. Deshalb kommt es dann zu diesen inhaltlich verkürzten, platten Auseinandersetzungen. Aber wenn wir uns auf FB ständig alle gegenseitig anschreien, stehen wir am Ende wieder ganz alleine da und 5000 virtuelle Freunde brüllen laut: Adieu, deine Meinung gefällt mir leider nicht. Und wenn wir DANN, frustriert, bei Instagram auflaufen und bemerken, WIE schön es dort mal wieder alle haben, (ausser uns) was sind wir dann? Perfekte Kunden. Einsam und beeinflussbar. Na Prost.

Ich mag es auch nicht, mich ständig von diesem oder jenem zu distanzieren oder zugehörig zu erklären. Warum? Ich habe nichts damit zu tun, wenn eine Horde zutiefst Frustrierter Fahnen schwenkt. Wer mich kennt und sei es nur als Schreibende, der sollte sich das denken können. Ich gehe wählen. Ich engagiere mich. Da wo es Sinn macht. Hoffe ich. (Ich arbeite mit Jugendlichen). Meinung als Pose ist vielleicht nicht neu, ich kann mir vorstellen, dass es zum Beispiel ’68 ähnlich laut zu ging, was das angeht (so hat es meine links-politisch sehr aktive Mutter mir erzählt) als wirklich produktiv hat sie das schon damals nicht empfunden.

Was ich wirklich sagen will: Cool ist es, ein Benefizkonzert zu veranstalten. Auf einer Demo mit zu laufen. (Auf der Richtigen, natürlich). Sich zu engagieren. Etwas ZU TUN. Sozial oder auch künstlerisch, meinetwegen. (Allerdings hasse ich Agitprop und diesen ganzen Belehrungs-scheiß, wirklich, damit kann man mich verjagen, da fühl‘ ich mich  erzogen und belehrt und well. Wer will das schon?).  Es ist selbstverständlich, sich nicht rassistisch, frauenfeindlich, asozial oder gewalttätig zu benehmen. Alles andere ist aus Hass, Angst und Gier geboren. Immer schon. Wobei die Gier die größte Kraft besitzt, so fürchte ich.

Dagegen hilft die Liebe. Immer schon. So einfach ist es. Ganz am Ende. Da, wo Worte nicht mehr hörbar sind. Ganz hinten, in dem dunklen Tunnel drin. Hoffentlich müssen wir da nicht durch, ich habe Kinder, ich will eine gute Welt für die und keine düst’re, enge.

So, und jetzt hab ich doch glatt einen Text verfasst, in dem ich mich rechtfertige, warum ich MEINUNGEN nicht mehr hören kann. Äh lesen. Von jedermann und jederzeit. Bin selber überrascht. Aber ich bleib dabei: Diese ganzen, schlauen Meinungen, dieses Getröte, diese überall herausgepupte Wut, die fühlt sich so unglaublich eng an. Ich sehne mich nach FRAGEN. Nach persönlichen Geschichten. Nach Verständigung.

Nicht, um Radikalität und Terror zu akzeptieren. Auf keinen Fall. In Worten nicht und nicht in Taten. In Worten einfach, in Taten schon viel schwieriger.

Es ist verdammt harte Arbeit, eine wirklich GUTE Meinung zu haben. Eine unabhängig informierte. Überall ist Beeinflussung, Fehlinformation, hinter jedem Artikel steht der Kampf um seinen finanziellen Erfolg, ne, ehrlich, sogar die Lust am Lesen vergeht einem doch, seitdem alle Tageszeitungen einen mit diesen bescheuerten clickbaiting Titeln ködern wollen. Zum Glück gibt es noch uns, die Künstler!  Lasst uns die Welt retten Leute! Bitte, bitte. Am Ende (ich rede wieder von dem Tunnel) ist unsere Arbeit die wertvollste von allen. Ihr werdet sehen. So lange: Weitermachen. Mit der Kunst. Augen auf! Ohren auf! Und basteln. Spielen. Nachahmen und imitieren. Wiedergeben, was durch uns durch gelaufen ist. Wir sind die Filtermedien. Filter sind gut. Filter, das gefällt mir. Hat was Reinigendes, besten Falles.

So. Das ist natürlich auch mal wieder alles total versimpelt und fahrlässig vereinfacht, aber ein Blogpost folgt auch seinen eigenen Regeln. Ein mehrseitiger Essay ist er sicher nicht. Aber: MEINE Meinung. Im Format einer unregelmäßigen Kolumne.

Hoffentlich war ich  verständlich? Lieg‘ ich richtig? Lieg‘ ich falsch? Ich weiss es selber nicht genau. Und traue mich, dass zuzugeben. Immerhin.

Und nächstens gibt’s hier wieder schlichte Unterhaltung. Mit Mehrwert. Selbstgebastelt! Nur für Euch! In Liebe, Mary Reili.

P.S. Ich reposte an dieser Stelle einen Brief, den der amerikanische Journalist Jay Rosen an seine deutschen Kollegen schrieb und der einige Tage nach veröffentlichung meiner Kolumne hier, in der FAZ erschien. Ich fand darin meine hier geäußerten Vermutungen zum Thema: MEINUNG bestätigt. (Und das hat mich natürlich schon ein bisschen gefreut). Hier bitte: Brief von Jay Rosen

 

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