Integration für Anfänger

Voralberger Panorama

#Viele Grüße aus Bregenz!

Da wohne ich jetzt. Zwei Monate lang. Zum Theater spielen. Open Air. Schiller. Jungfrau von Orleans. Ich freu‘ mich. Die Anreise allerdings, war dunkel. Ich saß acht Stunden im Zug, das ist selbst für eine spirituell Reisende wie mich eine lange Zeit. Die könnten ihre Sitze besser polstern, bei der Deutschen Bahn. Ein ganzer Tag im Zug transportiert einen durch unterschiedliche Aggregatzustände und wenn man dann ankommt ist man so breit von der Reise, dass man nicht mal ein Bier braucht, um einzuschlafen. Ich hab trotzdem eines getrunken.

Wegen der Wohnung, in der ich untergebracht bin. Vor der hab ich mich schon zum Reiseantritt gegruselt. So ein unbestimmtes, mulmiges Gefühl. Vor der Fremde. Österreich ist für mich fremd. Zum Glück. Sonst könnt ich ja da nix erleben, wenn ich alles schon kennen würde. Is‘ doch wunderbar, Fremdes zu entdecken. Wirklich. Wenn man allerdings mitten in der Nacht da ankommt, in der Fremde, und in eine Wohnung einziehen muss, von der man nur weiss, das man sie sich mit einem Opa und seiner polnischen Pflegerin teilen wird, ist man, also eigentlich ich, dankbar, wenn es draussen stockdunkel ist, zur Ankunftszeit.

Die Dunkelheit verhüllte die Stadt und den See, wegen dem man die Stadt kennt, und die Seebühne, wegen der die Stadt auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist und den ganzen Rest gleich mit. Ich hab mich also sehr erleichtert durch die österreichische Düsternis zu meiner Gastwohnung durch navigiert. Sie liegt zum Glück zentral. Deshalb konnte ich mir nach der Ankunft schnell noch zwei Bier besorgen. Von der Wohnung erzähle ich noch. Jetzt nur so viel: Zwei Bier waren die angebrachte Dosis. Für eine wie mich. Eine die eigentlich grundsätzlich kein Bier trinkt. Grundsätzlich trink ich nämlich eher Wein. Jetzt Bier. Zwei Schnelle für das Vergessen und den Schlaf.

Und dann lag ich im Bett und war völlig schockiert. Von der Stille. Es war so fucking ruhig, ich hörte ALLES. Und mit ALLES meine ich nicht nur das Schnarchen meiner mir noch unbekannten Mitbewohnener, dem Opa und seiner Pflegerin, ich meine auch das Naseputzen aus dem geöffneten Fenster von der anderen Strassenseite, das Aufprasseln der ersten Regentropfen auf die Dachgaube meines Schlafzimmers und das Rascheln meiner Bettdecke, wenn ich mich bewegte. Kennt ihr sowas? Mich hat es richtig überrumpelt. Ich hab mit vielem gerechnet, mit Kulturschock wegen Alpenglühen, Seegeplätscher, Almhüttenzauber, Schnitzelalarm oder was weiss ich. Aber nicht mit Stress wegen Stille. Ich hab gar nicht kapiert, WARUM es so verdammt still war, mitten in Bregenz.

Wahrscheinlich weil die Innenstadt verkehrsberuhigt ist. Nicht per Dekret, sondern per Architektur. Durch diese engen Gässchen hier fährt man höchstens dann, wenn man muss. Sonst macht man einen Bogen drum und nutzt den Nahverkehr. Oder geht zu Fuß oder bleibt einfach da wo man ist und trinkt lieber noch einen Kaffee. Oder ein Bier. Wein geht auch. Hier gibt’s  keinen Ringverkehr, keine Rush Hour, keinen Zubringer, kein monotones Verkehrsbrausen. Nur einzelne Fahrten bohren sich mit individueller Reisegeschwindigkeit in die Ruhe hinein. Und der See, der da als riesige, akustisch total beruhigte Fläche direkt an die Stadt angrenzt, wird auch das seine dazu tun. So ein See ist eine total geräuschlose Angelegenheit. Das bisschen Wellengeplätscher, das da bei Windstille an das Seeufer hin plätschert, schmiert gegen so ziemlich jeden Fluss schon ab. Und woanders, wo es keinen See gibt, also z. B. in Düsseldorf, aber auch sonst überall, wo eben keiner da ist, kein See, da gibt’s dann ja auf der selben Fläche jede Menge Menschen, und Autos und all die Geräusche die von denen verursacht werden, die fehlen überall da, wo See IST und deshalb ist es da, wo See ist, so verdammt viel stiller als anderswo.

Ich hab richtig schlecht geschlafen wegen dem Scheiß. Ich brauche viel mehr Lärm um mich rum! Jetzt, wo ich es schreibe, bin ich immer noch in der Anpassungsphase. Ich sitze am Seeufer, trinke einen Kaffee, schreibe euch das hier auf und versuche nebenbei das Streitgespräch eines Paares mit zu stenografieren, das ca. 500 m  entfernt am Seeufer steht. Leider kann ich gar keine Stenografie. Macht nix, ich wäre eh‘ zu abgelenkt um mich wirklich auf den Inhalt des Gesprächs einzulassen, weil hinter mir ein Mann sitzt, der zu Anfang ganz ungefährlich wirkte, aber dann hat er sich ein Weißbier bestellt und seitdem zähle ich seine Schlucke. Ich könnte schwören, ich höre nicht nur, wenn das Bier die Schwelle seiner Kehle passiert, diese Stelle, wo es „gulp“ oder so ähnlich macht, wenn man schluckt, sondern ich schwöre, ich höre es auch in seinem Magen ANKOMMEN, das Bier.

Bin ich jetzt so eine hypersensible Städterin, die in der Natur auf sich selbst gestossen wird und da nicht drauf klar kommt, oder bin ich schon so abgestumpft vom Geräuschpegel des Stadtlebens, dass ich auf die ganz natürlichen Geräusche die das Leben eben so macht (Auftreffen von Bier auf Magenschleimhaut und so) überhaupt nicht mehr klar komme? Oder ist das eh‘ das Selbe? Ach, ich bestell‘ mir einfach ’n Bier. Mit Bier im Magen hört man die eigene Magenschleimhaut so schön rauschen, das ist mir lieber, als wenn es die vom Nebenmann ist. Erste Anpassungsstörungen leicht zu betäuben, bis man sich ganz von selbst hineingemorpht hat, in die neue Umgebung, könnte zwar langfristig zur Abhängigkeit führen, aber da ich ja definitiv nach der Premiere wieder abreise, seh‘ ich da kein Problem. Prost. Bis bald. XX Mary Reili

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2 Kommentare

  1. Eine für mich berührende und gut nachzuempfindende Geschichte. Warum?

    Meine Eltern kauften sich im Alter ein Haus am Land. Bei meinem ersten Besuch mit Übernachtung wachte ich in der Nacht auf. Es war wahrscheinlichalt auch die Stille, die mich weckte. Dann tat ich ganz was sonderbares. Ich ging ins Schlafzimmer meiner Eltern und schaute ob sie noch lebten. Die Stille hatte mir solche Angst gemacht, dass ich meinte, sie wären tot.

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