Ich werde vorerst nicht verzeihen.

Die Sonne scheint. Die Inzidenzen schmelzen. In der Wrigley Werbung rennen wir in dem Fall alle raus, in den Park, werfen uns einander an den Hals, umarmen Bäume, sind wieder glücklich, freuen uns: Juhuu! Vorbei! Tatsächlich erscheint mir die Welt gerade eher wie ein Tatort nach der Schneeschmelze. Den ganzen Winter hat ein Eisblock den Schauplatz bedeckt, jetzt hinterlässt er zermatschtes, braunes Gras, Schlamm, Geröll und Fundstücke eines Kampfes. Gegen das Virus! Auch Verletzte liegen da. Opfer. Verstorbene. Die Krisengewinnler (die es ja auch immer gibt) haben sich, mit ihrer Beute, zurückgezogen und lassen uns verstört zurück.

Eine ganz neue Gesellschaft sind wir jetzt. Empfinde ich. Als ich vor zwei Wochen meinen ersten Kaffee in der wiedereröffneten Aussengastronomie bestellt habe, hätte ich weinen können, als die Betreiberin mir mein Getränk serviert hat. Weil ich wusste, was sie auf sich nehmen musste, um jetzt wieder Kaffe für mich (und alle anderen) zu brauen. Was für eine beschissene Zeit sie hinter sich haben muss. (Und vor sich vielleicht auch). Voller Schulden und Ungewissheit. (Die vierte Welle ist schon angekündigt. Für den Herbst.)

Der Freund, mit dem ich mich in dem Kaffee getroffen habe, bemerkte nichts davon. Er gehört zu denen, die von der Krise finanziell verschont geblieben sind. Sein Job war (wirtschafts-)relevant und lief einfach weiter wie bisher. Er fand die Preise „unverschämt.“ Und hat seinen Aperol Spritz runter gehandelt. Von sieben Euro auf Sechs. Ich hätte mich vorher schon für Leute geschähmt, die so was tun, aber jetzt fand ich es dermaßen traurig, dass ich mich zusammenreissen musste, dem Freund, der natürlich ein GUTER ist, ein sehr guter, schlauer, sensibler Mann, nur eben unbeleckt (von ihm unbemerkt) zu verzeihen.

Gestern war ich zum ersten Mal wieder auf einem Konzert. Da hab ich es auch gesehen. Die beiden, jungen Musiker wirkten steif, verpennt, als erwachten sie gerade erst aus einem bösen Traum. Sie haben verwundert ihre Titel runter gerockt, geradezu hastig, als hätten sie Angst, es kommt gleich einer und sagt: „Sorry, ihr müsst aufhören, die Inzidenz, packt bitte die Instrumete wieder ein, ihr wisst ja, wie es ist…“

Zwischendurch hat der Sänger ins Mikro gemurmelt, wie „toll“ es ist, dass sie jetzt wieder spielen dürfen, wie „dankbar“ sie sind. (Dabei waren sie toll!) Weniger dankbar war das Publikum. Es war ein open air Konzert (im Ringlokschuppen Ruhr) und das Wetter war nicht optimal. Warm zwar, aber der Himmel düster und die Stimmung grau. Regen stand in der Luft. Es war nur mäßig verkauft. Ältere Leute in Funktionsklamotten saßen da herum. Vereinzelt, wie die Sicherheitsregel es will. Ein paar junge Leute mit interessanten Frisuren haben immerhin getanzt. Auch sie schienen, als hätten sie es schon verlernt. Und fragten sich gerade, wozu diese Kultur eigentlich ganz genau gut sein soll?

Das Festival hieß „ARK-Festival“. Ark steht „für Regenbogen und für Arche Noah“ hat die Moderatorin uns erklärt. Als ob wir uns vor einer Sintflut retten müssten und die Künster, diese kleinen, possierlichen Sonderlinge wollen bitte auch noch mit an Bord. Später, im Festival-Restaurant, als ich in meinem eher unterdurchschnittlichen Fallaffelteller rum stocherte (auch ich mit dem Gedanken: Warum geht man eigentlich essen, wenn man selbst viel besser kochen kann?) hatte ich eine Vision:

Ich sah Kellner und Künstler aus einer Düsterniss (vielleicht ein schon gesintflutetes Gebäude?) auftauchen. Mit vollen Tabletts und Gitarren in der Hand, ein Unterhaltungsprekariat, um eine Klasse unbelekter Festangesteller bemüht, die ab und zu eine Münze springen liessen. Dann wälzten die Veranstalter sich darum im Dreck. Im Hintergrund der Szene: Kinder hinter Glas. Die durften noch nicht raus, die hatten es auf sich genommen, die Gefahr zu personifizieren. „Vorsicht! Ansteckend!“ stand auf einem großen Schild. Die Kinderaugen hinter den weißen Masken sahen verhungert aus. Hinter dem Glas herrschte immer noch strenge Maskenpflicht. Abstandsregel sowieso. Damit wir alle nicht vergessen, wie groß die Gefahr gewesen ist. (Achtung, liebe Leser, ihr befindet euch IN EINER VISION. Alles rein fiktiv! UND subjektiv. Is klar, oder?!)

Weiter geht’s. Auftritt: Der Politiker. Ich habe ihn sofort erkannt. Es war der Typ aus meiner ehemaligen Grundschule, der immer alleine auf dem Schulhof stand. Seine Eltern haben ihn morgens mit einem riesigen, weissen Mercedes zur Schule gebracht. Zurück musste er gehen. Den Haustürschlüssel trug er an einer Kette um den Hals. Er war ein bisschen dick, hat immer abgeschrieben, Popel gefressen und in der Pause, wenn er nirgends mitspielen durfte, hat er jüngere Kinder gepiesackt. Mich hat er mal im Treppenhaus in den Arm gezwickt. Einfach so.

Jetzt hat er die Macht. Mit einem gefälschten Abschluss in der Tasche, keinerlei Berufserfahrung und viel, sehr viel, gemopsten Geld. Allerdings stand er auch nur hilflos zwischen uns herum. Bei genauem Hinsehen, war er mehr mit uns verwandt (den Veranstaltern) als mit den, um ihre Sicherheit und ihren Besitz besorgten, Patriziern um uns herum. Er hatte nur das Glück, total dreist zu sein. Und herzlos. Das war der Unterschied.

„Ich habe mir ein Haus gekauft.“ sagte eine Patrizierin, die Vor- und Nachspeise zum Hauptgericht bestellt hatte und ungefähr in meinem Alter war. Es wurde geklatscht. „Ich eine Wohnung.“ sagte eine andere. (Sie bekam weniger Applaus.) „Mit riesen Garten!“ ergänzte sie, da brandete er wieder auf. „Wir haben einen neuen Staubsauger!“ Die Dame, die das Haus gekauft hatte, gab nicht auf. „Ratet, was der gekostet hat?!“ „Sag!“ „800 €. Du glaubst nicht, wie der saugt. Ich sauge jetzt alles. Sogar die Sofakissen sauge ich. Es ist ein Genuss. Ich glaube, ich habe mich verliebt.“

OK. Der Dialog gehört nicht zur Vision, den hab ich in Echt gehört. Und mich dabei geschämt. Weil ich neidisch war. Seit Corona kenne ich dieses häßliche Gefühl. Ist klar, warum. Es tut weh, den Schaden zu haben. Und damit meine ich nicht, dass ich finanziell mit dem Ofenrohr ins Gebirge gucken muss, vielmehr tut es weh, dass die Menschen ihr Glück wo anders finden, jetzt. Ein irre guter Staubsauger löst Glücksgefühle aus. Ein Haus, dass man pflegen und einrichten kann. Ein persönlicher Tempel. Eine eigene, geschlossene Welt.

Dabei wollte ich mit helfen, die Leute glücklich zu machen! Wenn sie da raus kommen, aus ihrem Haus. Und ins Theater gehen. In eine Cafe. Um eine Lesung anzuhören. Aber das holen sie sich da jetzt alle rein. Per live-stream. In ihre kleinen Trutzburgen, gegen eine ansteckend gewordene Welt.

Ich habe jetzt manchmal eine Traurigkeit in mir, die bodenlos ist. Ich kannte sie vorher nicht. Aber, ich habe das große Glück, wahnsinnig neugierig zu sein. Ich glaube, Neugierde ist meine wesentlichste Charaktereigenschaft. Sie rettet mich nicht zum ersten Mal. Ich schau mir das alles einfach weiter an. Wo wir uns hin bewegen. Wie das mit uns als Gesellschaft weitergeht. Um den Wrigley Effekt allerdings, trauere ich. Wär schön gewesen, einfach da wieder anzuknüpfen, wo es abgebrochen ist. Und sich endlich so richtig zu freuen. Geht aber längst nicht mehr.

„Wir werden uns viel zu verzeihen haben.“ sagt Herr Spahn. (Natürlich, wie wir inzwischen klar erkennen können, ging es ihm hier zuallererst um sich selbst.) So ist der Mensch. Und Verzeihen ist auch nicht immer leicht. Manchmal ist es falsch. Ich werde vorerst nicht verzeihen. Weil dann alles so bleibt, wie es jetzt ist. „Wir werden viel zu verändern haben.“ Gefällt mir besser. Es gab ja diese Rufe, währenddessen schon. Aus dem Tiefpunkt heraus. „Jetzt wird alles besser!“

„Krise als Chance!“ Naja. Noch liegt die Hoffnung auf der Intensivstation. Am Beatmungsschlauch (Vision 2) Ich wünsche ihr, dass sie es schafft. Dass sie demnächst aus dem Krankenhaus entlassen wird. Und in Reha geht. Und dann, wenn sie wieder auf den Beinen ist, legen wir los, ok? Die wrigley-Sache ist nur aufgeschoben. Die kann noch nicht weg. Aber Verzeihen kann man nur, wo sich entschuldigt wird. Wo Einsicht ist und der Wille, es in Zukunft anders zu machen. Besser. Kaugummi für alle, sag ich mal. Da wär ich dabei.

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