#ICE-Lektionen #WahreSchönheitisteinZwangsdiktat

Mit der deutschen Bahn und mir läuft es im Moment super. (Wer kann das schon von sich sagen). Gestern z.B. wurde ich doch glatt auf ein Erste Klasse Upgrade eingeladen. Und dieser Wechsel in die nächst höhere Gesellschaftsklasse hat mich an ein Thema herangeführt, ich fürchte was das angeht, wäre ich in der Zweiten Klasse ewig hinter dem Anschluss hergefahren. Und zwar geht es um Peelings. Ich peele nämlich offensichtlich seit Jahren völlig an meinen Möglichkeiten vorbei. Dabei hat sich inzwischen, von mir irgendwie unbemerkt, ein Paralleluniversum des Peelens, ein Parepeeluniversum entwickelt. Die Frau, die in der Ersten Klasse vor mir saß, (ahhhh, diese Beinfreiheit), empfiehlt Fruchtsäurepeelings. „Da kannst du das erste Facelift fünf Jahre nach hinten schieben. Ich hab mir danach die Haut wie ne Wurstpelle vom Gesicht gezogen. Ganz toller Effekt“. Klingt ja erstmal super. Da ich eh das Budget für MEIN erstes Facelift noch nicht GANZ zusammen habe, könnte das zur Überbrückung eine wertvolle Information sein. Und die Vorstellung meine Gesichtspelle, äh, Wurst- nein, GESICHTSHAUT mal ganz entspannt einfach abzuziehen und abends vor dem Schlafengehen im Badezimmer hängen zu lassen, finde ich auf jeden Fall verlockend. Ein Gesicht kann so verdammt verräterisch sein: Zornesfalte, Liebeskummer, erste Fältchen, zu wenig Schlaf, zu große Nase, Augenringe, einfach die ganze, ewig gleiche Visage schlangengleich abzustreifen um als vom Aussehen befreites Neutrum in die Kissen zu sinken, warum nicht? Die Frau allerdings, die der Fruchtsäure gegenüber saß, empfiehlt chemische Peelings, und dagegen ist der Wurstpelleeffekt ’ne müde Nummer. Hier geht es jetzt ums rohe Fleisch. „Naja, die Vollnarkose ist natürlich anstrengend, aber warte mal, was da nachwächst, nicht eine Falte, nichts, das spannt BESSER als jedes Facelift!“. Ja, warte mal. Und inzwischen kannst du dir ja ein Schild umhängen: „Sie dürfen mich ruhig ansprechen. Hinter diesem rohen Steak verbergen sich die üblichen Gesichtsfunktionen“. Sehen, sprechen, essen, lachen, weinen und so. Grundsätzlich zu vernachlässigende Eigenschaften des Erscheinungsbildes. Ich weiß ja nicht. Auf der gleichen Strecke hab ich später noch eine ziemlich gefragte Schauspielerin getroffen. Wir kannten uns. Wir hatten mal in Berlin zusammen Theater gespielt. Bevor sie bekannt wurde. Ich fand sie toll. Weil sie eigentlich gerade erst bekannt geworden war. Und das mit Anfang fünfzig. Als Frau. Sie kam gerade von irgendeiner Filmparty und war zu einem Gastspiel unterwegs. Sie sah zerstört aus und trug einen riesigen, pinken Wollpulli, der unter den Armen fusselte. „Gott, ich hab bis fünf Uhr gesoffen, ich fürchte, man riecht es“. Sie hatte aufgespritzte Lippen. In ihrem Gesicht gab es Stellen, die nicht mitmachten, wenn sie sprach. Es sah aus, als ob sie eben einen Angriff aggressiver Killerwespen nicht ganz unbeschadet überstanden hätte. Und ihre Zähne waren vorne alle überkrohnt. Wir haben uns kurz über unsere Söhne unterhalten. Ihre sind schon aus dem Haus. „Aha“. Meine krank. „Oh je“. Ich bin dann ausgestiegen, sie fuhr noch weiter in ihrem Erste Klasse Abteil. Zum Gastspiel in die Schweiz. Als ich schon über den Bahnsteig lief, hing sie sich plötzlich aus der Zugtüre und schrie mir ein lautes: TOI TOI TOI hinterher. Toi Toi Toi für irgendwas. Wahrscheinlich für mein restliches Leben. War ja unklar in dem Fall, ob wir uns nochmal wiedersehen. Sie winkte noch durch die Scheibe der geschlossenen Abteiltüre durch. In ihrem verfiltzten Wollpulli, mit vom Zugschlaf und wasweissich zerwühlten Haaren, sah sie aus wie ein selten schönes, wildes Tier. Keine Ahnung, ob ich das auch so gesehen hätte, wenn ihr Gesicht nicht so offensichtlich TEUER gewesen wäre. Vielleicht hätte ich dann einfach weniger drüber nachgedacht. Überhaupt denke ich seitdem nach. Über den Zusammenhang zwischen ihrer späten und wirklich großartigen Karriere und dem Zustand ihres Gesichtes. Die Frage ist, was kam zuerst? Die OP’s? MUSSTE sie die machen, um den Fuß in die Türe zu kriegen? Oder machte sie die, um den Fuß drinnen zu behalten? Ich denke, ich sollte in Zukunft wieder zweite Klasse fahren. Ich hab nicht vor, mir demnächst die Gesichtshaut abziehen zu lassen. Ich bin für sowas echt zu feige. Tut mir leid. Ich werde mich dem ganz normalen Verfall überlassen. Ich werde ja sehen, was ich davon hab. Maximal lasse ich mir die Haare rosa tönen, bevor sie komplett ergrauen. Aber man soll ja den Teufel nicht an die Wand malen. Maximal ins Gesicht. Zum Glück hab ich sowieso nur eine Bahncard für die zweite Klasse. Da komm ich gar nicht wieder in Versuchung. Erste Klasse ist ja irgendwie TOTAL EXISTENZIELL.

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