ICE Lektionen: Über das Zug fahren. Der Glückkekschenreport

ICE Schaffner

Im Ausnahmezustand zwischen Düsseldorf und München

Wisst Ihr, was ich am Zug fahren wirklich mag? Es ist nicht das Absitzen der Zeit auf muffeligen, blauen ICE Polstersitzen. Das Gewackel und Geschwanke auf der vorbei rasenden Schnellstrecke zwischen Köln und Frankfurt. Nicht wirklich. Aber der innere Zustand ist toll. Das Raus-genommen-sein, aus den alltäglichen Vorgängen, Abläufen und Verrichtungen. Im Alltag hangele ich mich eher so an der To-Do-Liste durch den Tag: Schnell noch dieses Telefonat führen, jene Überweisung abschicken, Kind vom Kiga abholen, Brot kaufen, was könnt ich jetzt noch erledigen, oh, schon nach zehn, uff, dann kann ich ja endlich ab ins Bett. Im Zug dagegen bin ich einfach mal ein paar Stunden geparkt auf dem eigenen Arsch. Lass mich wackeln und schwanken und werfe einen Blick auf die Welt. Die findet da nämlich statt, im Zug. Die steigt mit ein und ist dann auch unterwegs. Im Ausnahmezustand zwischen Düsseldorf und München. Oder Hamburg und Berlin. Egal. Unterwegs sein heißt immer: Aus dem Alltag heraus treten. Sich in neue Zusammenhänge stellen. Ein Tag auf Reisen kennt keine Routine. Er fordert dich heraus und zeigt dir, was noch so in dir steckt.

Das fängt schon auf dem Bahnhof an. Bahnhöfe gehören als Schauplatz unbedingt zu den ICE Lektionen dazu. Bahnhöfe sind Orte des Übergangs. Vom Hauptwohnsitz zur Transformation der Persönlichkeit ab Gleis 8. Ganz so einfach ist es allerdings auch nicht immer. Bei mir z. B. war heute morgen gar nix einfach. Zum Glück hab ich aber gestern, am Vorabend meiner Reise, einen ermutigenden Spruch in einem Glückskekschen gefunden. Sonst hätte ich evtl. dem Flow nicht vertraut. Und läge jetzt in meinem Bett und müßte mich mit einer mittelschweren Depression rum schlagen. Tatsächlich sitze ich aber sehr glücklich im ICE der deutschen Bahn nach München und hoffe, das die Welle mich noch trägt bin in die Bayerische Hauptstadt. Sonst wird es nämlich Scheiße teuer für mich.

Die Welle nahm ihren Anfang gestern in der Einkaufsstrasse, in der ich täglich einkaufe. Keine richtige Einkaufszone, ich wohne eher vorstädtisch, sondern eine normale Strasse, die auf beiden Strassenseiten Geschäfte hat. Vor mir lief ein altes Paar. Also, RICHTIG alt. 80. Diese Liga. Sie schlenderten durch die Einkaufsstrasse, hielten Händchen, und kamen total verliebt rüber. Ab und zu blieben sie stehen, er wandte sich ihr zu, oder andersherum, sie richtete seinen Kragen, er putzte ihr die Nase oder löste die Bremse ihres Gehwägelchens, auf die sie versehentlich getreten war. So richtig romantisch. Ein Bild der Liebe. Und hinter ihnen entstand der totale STAU. Es war episch. Ein episches Bild. Breite Kinderwägen, andere alte Leute mit ihren Rollatoren, Kinder auf Kinderfahrädern, Geschäftsleute, Einkaufswillige, alle schoben sich, eingereiht in diese Liebesprozession, unendlich langsam von REWE bis zu Aldi hoch. Und ich war mitten drin. Es war mir gleich klar, dass das eine gute Situation ist. Das sich da was anstaut. Ein Flow. Eine positive Energie. Ich hoffe, sie reicht noch bis zum Happy End am Münchner Hbf.

Heute Morgen, beim Aufbruch, sah es nämlich nicht ganz so rosig aus. Ich saß im Bus zum Hbf Düsseldorf und dachte über die Menschen nach. Diese zu allem fähigen. Einer von uns hat letzte Woche am Düsseldorfer Hbf mit einer Axt um sich geschlagen. Is‘ mir scheißegal, warum jemand sowas macht. Will ich gar nicht wissen. Er soll es einfach lassen. Wir sollten uns einfach alle zusammen reissen, denk ich gerade, die einen halt weniger und die Anderen so richtig feste. Da wird es laut im Bus. Einer schreit. Einer mit Krücken. Mit gebrochenem Fuß, ganz offensichtlich. Der Busfahrer hat ihm die Türe vor der Nase zu gemacht. „Tja, musst‘ dich halt beeilen“, ruft er frech nach hinten in den Bus. „Hier gibt es Fahrpläne, Freundchen“. Aber da hat der nicht mit den anderen Fahrgästen gerechnet. Ich saß ganz hinten. Ich hab nicht mit gemacht. War nicht nötig. Der Protest war riesig. Eine Oma drohte mit dem Gehstock, ein Mann, Typ Angestellter bei Behörde versuchte die Türe mit den Händen zu öffnen, es wurde laut, man war sich einig: „Geht gar nicht“. Der Busfahrer gab klein bei, die Tür ging auf, alle winkten. (Ich hab mich kurz gewundert, warum ich gar nicht mit rumort hatte, aber dann dachte ich: Ne, is‘ doch klar, du schreibst es auf, du bist die Zeugin“).

Im Grunde war das recht erfreulich. Eine schöne zwischenmenschliche Szenerie. Ich lief also ermutigt und beschwingt am Düsseldorfer Hbf auf. Und wenn da jetzt nicht diese blöde Assoziation mit dem Axtschläger wäre, würde ich sagen: Direkt ins offene Messer hinein. Ich kam da nämlich mega pünktlich an, soweit alles super, um festzustellen, das ich mit VERTAN hatte. Ich hatte mein super billiges Schnäppchenticket nämlich gar nicht ab Düsseldorf, sondern ab Köln gebucht. Wie das so ist, mit solchen Schnäppchen. Ein Haken ist meistens dabei. Und deshalb war mein Zug natürlich längst über alle Berge und mein zuggebundenes Billigticket hatte seinen super billigen Wert verloren. Ich war stinksauer und das auch noch AUF MICH SELBST. Das war nämlich alles andere als ein Zufall, das war die logische Folge der Überforderung, der ich mich in den letzten Wochen ausgesetzt hatte. Ich hatte mir irgendwie ein paar Baustellen zu viel aufgehalst und jetzt stand ich da sehr sinnlos rum, am Hbf Düsseldorf.

Rechts und links an mir rollte der Tag auf Rollkoffern vorbei. Ich stand da wie angeklebt, mitten im eigenen Leben auf das falsche Gleis geraten. Ohne Lösung. Ein neues Ticket wäre sauteuer gewesen, das Billigticket hätte ich oben drauf rechnen müssen, es stand nicht im Verhältnis zum Zweck der Reise, aber einfach so aufgeben, einfach so die noch gar nicht begonnene Reise wieder abbrechen, wie scheiße ist denn sowas bitte?! Boah! Ich war kurz davor, eine Performance zum Thema: „Aus der Zeit; Reisende legt Reise am Hbf nieder und sitzt ebendort den kompletten Reiseplan aus Protest gegen die eigene Verblödung ab“ aufzuführen, aber ich hab keinen Sitzplatz gefunden. Es war Hauptreisezeit, überall waren Füße und Koffer und sonstwas und der Boden war auch nicht richtig sauber.

An dieser Stelle muss ich jetzt schnell noch einen weiteren Seitenstrang dieser ICE Lektion einführen, den ihr euch bitte gestern Abend beim Japaner vorstellt. (Ich weiss, diesmal ist es voll kompliziert mit den Zeitebenen). Gestern Abend war ich für Sushi und ein schnelles Bier beim Japaner. Übrigens in der selben Strasse, in der sich vorher die Liebe hinter dem uralten Rollatorpärchen aufgestaut hatte. Als Nachtisch bekam ich einen Glückskeks, mit dem Spruch:“Die dunkelste Stunde ist der Dämmerung am nächsten“. Und ich hatte gerade eine verdammt dunkle Stunde am Düsseldorfer Hbf. Nicht nur wegen dem Ticket. Wegen Allem. Irgendwie.

Eigentlich fühlte ich mich reif dafür, mich ins Bett zu legen und eine richtig feine Depression auszubrüten. Aber bis nach Hause, das kann manchmal auch schon zu weit sein, vor allem wenn man es gerade erst von da weg geschafft hat. Ich ließ mich treiben, hatte ja jetzt Zeit, und landete auf dem Gleis von dem ich eigentlich abreisen wollte. Da stand ein Schaffner rum und sah irgendwie nett aus. Typ Familienpapa. „In der dunkelsten Stunde ist die Dämmerung am nächsten“, dachte ich, und da erfasste mich plötzlich der FLOW. Er war es. Jetzt wo ich es schreibe, weiss ich es genau. Der Fußgängerzonen-Liebesflow erfasste mich und ließ mich zu dem Schaffner, oder was immer die da sind, die da auf dem Gleis in ihren Häuschen sitzen, sagen: „Wissen sie, was ich für eine Dummheit gemacht habe?“ Und er sah mich überrascht an und ich zeigte ihm mein Ticket und er sagte: „Ach, das haben wir gleich“ und stempelte es ab und schrieb ein magisches Sprüchlein drauf, irgendwas von wegen Kulanz, Fahrgast hat Gleisänderung nicht gehört, usw. und deshalb sitze ich jetzt im ICE nach München und ich bin ein bisschen glücklich.

„Die dunkelste Stunde ist der Dämmerung am nächsten“. Ein Mensch war da, am Düsseldorfer Hbf, irgendeiner, ein Fremder, und hat mir geholfen. Hat mich glücklich gemacht. Ich hätte es mir ganz, ganz schlecht verzeihen können, wenn ich die Reise abgebrochen hätte. Klar, gegen einen Axthieb ist das alles gar nichts. Oder maximal total kitschig, hier mit Sozialromantik gegen Axthiebe an zu schreiben. Aber bitte: Es hat sich alles ganz genau so zu getragen. Und da muss man ja auch mal drüber reden. So von Mensch zu Mensch. Ich hoffe einfach, der FLOW überträgt sich, wenn ihr das lest. Und ich bin das Gegenteil von einer Esoterikerin. Nur total naiv. Mit meinem Glauben an den guten Menschen. Zum Glück. Und deshalb sage ich: Es ist ein mächtiger Flow. Alte Liebe + Glückskekschenmagie eben. XX Mary Reili

P.S. Der Schaffner auf dem Bild ist NICHT der Mann von dem ich hier berichte. Das dargestellte Bild ist in einem anderen Zusammenhang entstanden. Nicht, das der Mann hier irgendwie in Schwierigkeiten kommt…

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2 Kommentare

  1. Was für ein schöner, versöhnender Text! Ich steige jetzt einfach mal zu, in diesen Flow, es fühlt sich gut an, nur meine Neugier, was wohl in dem Glückskeks stand wird riesengroß… 😉

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