ICE Lektion: Frühling in der Comfortzone

Mantel und Bluse: Atelier baldaufkoeln

#bahncomfort #frühlingsgefühle #ausweitungderkampfzone

Wie gut, dass jetzt der Frühling kommt. Also, dass er fast schon DA ist. Heute über 20 Grad in Düsseldorf. Ich fühle mich so viel BESSER. 2018 war anstrengend, bis jetzt. Grippe, Scharlach, fiebrige Infekte. Wenn man jeden dritten Tag im Zug sitzt, bietet man einer Menge Infekten und Krankheiten optimale Entfaltungsmöglichkeiten. Auch ’ne ICE Lektion: Reise nicht, bevor du vollständig auskuriert bist. Naja. Man kann es sich ja nicht immer aussuchen.

Und inzwischen gehts ja auch langsam besser. Nicht nur mir. ALLEN. Bei ALLEN erwachen die Vitalkräfte. Feine Sache. Und hoch interessant, wenn dann diese ganzen frisch erwachten Vitalitäten im ICE 1122 Richtung Süden aufeinander treffen. Da kann die Comfortzone schnell mal zum Kampfschauplatz mutieren.

Vermutlich ist das Taktik. Eine Taktik der deutschen Bahn. Um keine weiteren Comfortansprüche im Comfortkunden entstehen zu lassen. Weil der Comfort, den wir hier geniessen, so anstrengend zu verteidigen ist, dass weitere Angebote echt die Kapazitäten eines durchschnittlichen Bahn-Reisenden übersteigen. Schon allein zeitlich.

So viel Verspätung kann die DB gar nicht zusammen fahren, dass wir es im entstandenen Zeitrahmen schaffen unsere Comfortansprüche voll auszuschöpfen. Nein, nein, Bescheidenheit ist eine Zier, weiter kommst du ohne ihr. Ach ne, : mit. In dem Fall, kommst du mit Bescheidenheit weiter. Aber zur Sache: Als Comfort (ich wollt schon schreiben PATIENTIN) ne, als Comfort KUNDIN geniesse ich eine Sitzplatzgarantie in der eigens reservierten Comfortzone. Voll toll. Wenn man die nicht immer zuerst suchen müßte. OFT ist die Comfortzone im Übergangsbereich zwischen zweiter und erster Kasse versteckt. Oder in Restaurantnähe. Manchmal ist sie aber auch überraschenderweise ganz woanders. Lustig! Vor allem wenn man mit großem Gepäck unterwegs ist. Es macht wirklich SEHR viel Spaß, sich im schwankenden Zug durch die Abteilflure zu kämpfen, auf der Suche nach der Comfortzone.

Die Zugbegleiter haben meistens auch keine Ahnung. „Das wird automatisch/von oben/zentral geregelt“, erfährt man dann. „Wir ham da gar nix mit zu tun“. Ach so. Na, dann. Irgendwo findet man sie ja meistens. Ausser sie fehlen. Manchmal fehlt nämlich die Comfort Reservierung. Komplett. „Oben“ kann sich ja „automatisch“ auch mal vertun. So ’ne Zentrale hat auch nur ein Augenpaar und die kann sie ja nicht überall haben. Versteht man. Eines ist auf jeden Fall sicher: Wenn man sie findet, die Comfortzone, bedeutet das nicht, dass man am Ziel ist. Nein, nein. Man hat nur den Kampfschauplatz gefunden. Jetzt geht die Arbeit los. Jetzt muss man sich seine Reservierungsansprüche erkämpfen.

„Tschuldigung, sind sie Comfort Kunde“?

Wenn euch das schon mal jemand gefragt hat: Habt Mitleid und zeigt Erbarmen mit diesem Menschen. Er geniesst Comfort Status. Er hat es nicht leicht. Etwa die Hälfte der Leute die da rum sitzen, HABEN den Status. Naja, vielleicht ein Drittel hat ihn. Die anderen haben ihn nicht. Der Trick ist jetzt, die zu erkennen. Die OHNE. Allerdings gibt es leider keine Anhaltspunkte wie man die erkennen kann.

Ich wende folgende Taktik an: Ich suche mir den Platz aus, auf dem ich am liebsten sitzen würde, (am liebsten sitze ich allein, im Einer, wenn es denn einen gibt) und da beginne ich:

„Verzeihung, sind sie vielleicht Comfort Kundin“?

„Sorry, i don’t speak german“. Die Frau, die mir das antwortet, ist dunkelhäutig.

„Oh, im am very sorry, but i have a special reservation for this seat, except you are a comfort customer as well?“.

„Äh, what are you talking about“? fragt die Frau. Is ja auch nicht ganz so easy zu vestehen, diese Comfort Sache. Zu erklären aber auch nicht.

„Ok, i have a special comfort reservation, because i am a comfort…“fange ich an, werde aber unterbrochen. Von einem Mann. Dem Reisenden, der hinter mir steht und jetzt nicht weiter laufen kann, weil ich natürlich den Gang verstopfe.

„It is her place“ sagt er zu der Frau, die etwa in meinem Alter ist, und zeigt auf mich.

„I am so sorry“sagt sie jetzt, steht auf und schaut sich hilflos um.

„You can sit here“ ruft jetzt mein zukünftiger Sitznachbar von der Stuhlreihe gegenüber! „You are very welcome“ sagt er ausserdem und guckt mich böse an.

„Die Fahrscheine bitte“. Jetzt will auch noch der Schaffner durch. Alle machen eine Pause, fummeln ihre Tickets hervor.

„Die da“! ruft der Sitznachbar (ein fülliger Mensch, der eine orangefarbene Bahnarbeiter Weste trägt, darin starkt schwitzt und jetzt seinen Zeigefinger in meine Richtung bohrt) „Die da hält sich für eine Premium Kundin hier! Mit Anrecht auf Wunschsitplatz“

Ich stöhne. „Aha“. sagt der Schaffner und schaut an mir herunter. „Darf ich dann bitte mal ihre Bahn Card kontrollieren“?

„Rassismus hat eben viele Gesichter“ sagt jetzt der Füllige, schnauft, und beisst sich ein Stück Luft aus dem Abteil, „she thinks, she is something better“ erklärt er der Frau, die inzwischen neben ihm zum Sitzen gekommen ist.

„Bitte“ sage ich zu dem Schaffner „können Sie ihm das mit den Comfort Reservierungen erklären“?

„Dafür bin ich nicht zuständig“ sagt der Schaffner, „und sagen sie mir nicht, was ich zu tun habe, sie benehmen sich wirklich, als ob ihnen der ganze Zug gehört“.

(In diesem Moment beschliesse ich natürlich, eine ICE Lektion aus der Sache raus zu schlagen. Zum Glück, sonst wäre ich vielleicht kurzzeitig verrückt geworden, wer weiss…).

„Das ist ja eine absolute Unverschämtheit“ brüllt plötzlich Einer über mich weg. Es ist der Mann, der mir vorher meinen Platz besorgt hat. Ein Dürrer mit Stirnband. Ein Angreifer. Gefährlich. In seinem Stirnband steckt eine hohe Feder. Irritierend. Ein Aufschrei, der ganze Typ.

Während er beginnt, dem Dicken einen Vortrag über den Umgang mit FRAUEN zu halten und der Dicke mit „Rassismus im Alltag“ dagegen hält, schauen die Frau und ich uns über den Gang hinweg an. Wir sind vermutlich ähnlich alt. Sie scheint auf Durchreise. Vielleicht eine Touristin. Sie trägt Funktionskleidung, ein hip bag, hält irgendwelche Unterlagen in Klarsichtfolie in der Hand und trägt einen hübschen Goldring am Zeigefinger. Könnte Südamerikanerin sein, denke ich. In ihrem Blick liegt Überraschung und ein kleines Entsetzen. In meinem wahrscheinlich Wut und Hilflosigkeit. Ich schüttele den Kopf um ihr zu verstehen zu geben, dass mir das Ganze unangenehm ist. Wir müssen lächeln, sogar ein bisschen kichern.

Sie ist dann Frankfurt Flughafen ausgestiegen. Der Zug war sehr voll, ich bin auf dem Comfortsitz sitzen geblieben. Leider gehörte mir nicht der ganze Zug. Ich hätte einiges darin verbessern können. Zum Beispiel die Sache mit der Comfortzone. Aber: Naja. Wenigstens hat die Frau jetzt was Absurdes zu erzählen, wenn sie wieder zu Hause ist. Und ich ja auch…

 

 

Du magst vielleicht auch

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.