Früher war mehr Lamento

Die Maske mit dem Filmtitel, der wie die Faust auf’s Auge passt, hat mir Christin-Marlen Freyler genäht. Sie ist bei ihr bestellbar!

„Schicksal, Verantwortung und der freie Wille“. Das stand auf einem Plakat, an dem ich heute vorbei gefahren bin. Auf Fahrradtour. Mit meinen Kindern. Unterwegs in meinem völlig veränderten Leben. Mit dem ich mich NICHT anfreunden werde. Damit fange ich gar nicht erst an. Das Virus mag SCHICKSAL sein, ein ernstes, kein schreckliches, zum Glück, die VERANTWORTUNG für mein Leben und das von Anderen musste ich, seinetwegen, in die Hände von Politikern legen,

meinen FREIEN WILLEN aber, behalte ich vorerst. Auch wenn der Wille sich im Moment eher als Wunsch manifestiert.

Die Veranstaltung, die auf dem Plakat beworben wurde, ist natürlich ausgefallen. Wie so ziemlich alles, zur Zeit. Und ich muss gestehen, ich bin seit Wochen damit beschäftigt einfach nur klar zu kommen. Herauszufinden, wie ich das am besten gestalte, mein neues Leben in vier Wänden, mit drei Mitmenschen, die natürlich meine allerliebsten Mitmenschen sind, die „Kernfamilie“ ein Wort, das mich an einen Apfelbutzen denken lässt, (andernorts heißen die Apfelkitsch, -griebsch, oder, langweilig, sehr deutsch aber allgemeinverständlich: Apfelkerngehäuse), die aber, meine liebsten drei, natürlich nicht den Rest der Menschen ersetzen können, mit denen ich es sonst tun hatte.

Die vielen Frauen zum Beispiel, die sonst meinen Alltag bereicherten, mit denen ich mich sonst, ganz beiläufig, austausche, unterstütze, stärke und bekräftige. Jetzt bin ich mit drei Männern alleine, von denen sich einer für Elektronische Musik und Computerspiele, einer ausschliesslich für Fußball und einer für Dinge interessiert, die ich gar nicht unbedingt alle immer wissen will. Man braucht ja auch Geheimnisse voreinander. Ich brauche die dringend, mein Gott!

Statt dessen spiele jetzt Fußball. Jeden Tag. Mit meinem Sechsjährigen. Nach der Krise werde ich vermutlich international durchstarten – als Fußballtrainerin. Ansonsten gehe ich Wandern, Fahradfahren, Spazieren, spiele Malefitz, Uno und Europareise. (Wobei „Europareise“ hilfreich ist. Weil das Brettspiel mit der Europakarte drauf mir wenigstens ganz vage das Gefühl vermittelt, ein bisschen unterwegs zu sein.) Ach mann, ich komm‘ nicht klar!

Es fällt mir schwer, anzunehmen, dass ich nichts zu tun habe. Dass Projekte, auf die ich mich schon rasend gefreut habe, auf unbestimmt verschoben wurden. Das ich nicht spielen kann, mit niemandem! Dass vielleicht das Geld knapp bleiben wird, dieses Jahr. Dass ich mir deshalb keine tollen, neuen Kleider kaufen kann, vorerst. Mein Gott, denke ich da natürlich selber, lächerlich! Was ist ein neues Kleid?! Was ist eine Urlaubsreise? Wo fängt eigentlich Luxus an?

Was es bedeutet, mal zu verzichten, können wir ja jetzt alle ausprobieren. Also nicht ALLE, die, die es getroffen hat, bis jetzt. Das Virus ist nämlich nicht nur grausam ungerecht darin, wen es krank macht, sondern auch darin, wem es einfach mal so, beiläufig fast, die Existenz zerstört. Das Lebenswerk. Ich bin da nur irgendwo mitten drin angesiedelt, ich habe keine Angestellten, keine Unkosten zu tragen, ich hab einfach nur weniger Geld als sonst. Mein Lieblingscafe in der Stadt aber, wird nicht wieder aufmachen. „Insolvent. Wegen Coronaschliessung.“ Sie werden nicht die Letzten sein. Tja.

Und plötzlich hab ich eine Stimme in meinem Ohr, die sagt: Andere verdienen supergut, gerade jetzt. Oder sie sind schon vorher so wohlhabend gewesen, dass die so eine Krise locker weg stecken. Und ich muss feststellen, dass ich neidisch bin. War ich noch nie. Besitz hat mich gar nicht großartig interessiert. Ich hatte immer genug, um dass zu tun, was mir wichtig ist. Jetzt habe ich es nicht, promt neide ich. Ich will aber nicht neiden. So bin ich nicht! Gewesen. Ich komm‘ nicht klar.

Ich komm‘ nicht mal klar, auf die, die klar kommen. Die zum Beispiel auf Instagram Filme darüber veröffentlichen, wie gut sie die Situation meistern. Wie POSITIV sie umgehen, mit der Krise, wie kreativ sie sind, gerade jetzt, wie sie dem Ganzen etwas abgewinnen können, an der Krise wachsen. Kann ich nicht. Selbst wenn ich wollte. Will ich denn?

Keine Ahnung. Wirklich nicht. Ich will einfach wieder einen Alltag haben. Den Mitmenschen beobachten. Aufschreiben, was der Mitmensch tut. Es hier veröffentlichen. Aber ich bin eine ziemlich gute Beobachterin. Und das, was ich neuerdings beobachte, ist nicht so schön. Gestern z. B war ich bei REWE einkaufen. Da hab ich DAS erlebt:

Eine Frau verlässt den Supermarkt und will ihren Einkauf im Einkaufswagen zum Auto schieben. „Geht klar“ sagt der Türsteher. (Die es ja jetzt überall gibt. Ich hab mich schon bei dem Gedanken erwischt, ob ich auch das richtige Outfit trage, als ich vor REWE in der Schlange stand). Die Wartenden rufen der Frau hinterher: „Wie asozial kann man sein!“ „Sie verschwenden meine Zeit!“ (Man darf nur mit Wagen einkaufen, die sind abgezählt, jetzt fehlt einer, ihr kennt den Spaß.) „Das ist das Allerletzte!“, „Superdaneben!“. Jeder drückt der Frau einen Spruch rein, bis sie bei ihrem Wagen angekommen ist, ein richtiger walk of shame. Die Frau hat auch noch kurzes, blondes Haar, ich muss an den berühmten Walk of shame aus GOT denken. Mitten in Düsseldorf, denke ich.

Die Frau hat ein rotes Gesicht und senkt den Kopf, als sie mit dem Wagen zurück von ihrem Auto kommt. Sie hat einen kleinen Bauch. Die ist schwanger, denke ich, die darf vielleicht nicht heben, durfte ich auch nicht, in keiner Schwangerschaft, wir wissen alle nichts über die Frau und trotzdem wird hier rum geschrien. Das Juppiepaar ganz vorne hat am lautesten geschrien. Jetzt wo der Wagen wieder da ist, trifft zeitgleich ein zweiter Wagen ein. Das Juppiepaar greift zu BEIDEN Wägen, einen für sie, einen für ihn. „So sind wir schneller.“ Der Türsteher nickt. Wieder schreit die Schlange los. Ich bin ganz kurz davor, mit zu schreien.

Ich gehe nicht mehr einkaufen. Ich möchte meine Mitmenschen lieb haben, ich will darüber schreiben, wie ihnen kleine Fehler passieren und warum sie trotzdem, oder gerade deshalb, schöne Menschen sind. Im Moment macht aber niemand eine gute Figur. Ich auch nicht.

„Jammer nicht rum“ sagt die innere Stimme. „Ja, na klar“, antworte ich ihr, „bloss nicht jammern.“ „Versuche, es po-“ „No! Entschuldige, innere Stimme, das kann ich nicht mehr hören. Es hilft mir nicht.“

Jammern hilft, stelle ich fest.

Ich finde jetzt Jammern gut. Es ist absolut unpopulär, kein bisschen mainstream, nicht zwanghaft positiv, es ist unverkäuflich, uneitel und echt. Das Jammern ist zu Unrecht in Verruf geraten. Trauer ist angebracht. Einem Trauernden auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Hey, alles wird wieder gut, sieh doch mal, wie toll ich das hinkriege!“, ist doch eigentlich scheiße, nicht?! (Sorry, Instagram).

Es wird wieder, aber anders. Und keiner weiss, wie. Wir tappen alle im Dunkeln rum. Die ganze Welt! Wir teilen (ausnahmsweise mal) das Corona-Schicksal. Mit unterschiedlichen Folgen für den Einzelnen. Jeder hat seine Geschichte mit dem Ding. Die Verantwortung dafür, wie sie ausgehen, die einzelnen Geschichten, teilen wir. Und den freien Willen, sollten wir unbedingt verteidigen. Und so nehme ich mir das recht heraus, traurig zu sein. Und meine Traurigkeit hier mit euch zu teilen. Einfach nur das.

P.S. Die Maske ist waschbar, hat einen biegsamen Metallbügel über der Nase und doppel gelegten Baumwollstoff (atmen geht). Sie kann bei Christin-Marleen Freyler bestellt werden. Und zwar hier: cinemasks@gmx.de


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