Warum ich mein Fahrrad in den Rhein geschmissen habe. Eine Feinstaubetüde.

fake fur (Kanari): "Zara" Foto @dirkossig

#februar #düsseldorfmylove #feinstaubetüde

Es ist Anfang Februar. Die Stimmung ist beschissen. Auf facebook bekennen sich die Ersten zu ihren Winterdepressionen, Trolle prollen auf meiner timeline rum-kurz-es könnte geiler gehen. („Geiler gehen“, kann man das schreiben, ist das eine zumutbare Alliteration?) Ach, ich lass es mal so stehen. Der Zweifel ist der Wegbereiter der Depression und bis jetzt hab ich mich wacker durch geschlagen, durch den Winter, ich bleib einfach dabei, bei meiner Sache, allen Trollen zum Trotz. (Trotzige Trolle ist jetzt auch nicht so viel besser. Klingt nach Sprecherziehungsübung für Anfänger. Was ist nur los mit mir? Macht diese Kolumne überhaupt irgendeinen Sinn?) Ach ja…

Die meisten Trolle übrigens waren ältere Herren. Die Jahreszeit scheint dieser Bevölkerungsgruppe besonders auf’s Gemüt zu schlagen. Mein Beileid hier, an dieser Stelle.

Aber zur Sache (laber nich, Frau): aus mir selbst bereits jetzt, an dieser Stelle meines Textes nicht mehr nachvollziehbaren Gründen, hab ich mich dazu entschieden, meine lange geplante Fahhrad-Kolumne heute endlich zu verfassen. Kommunalpolitisch (also hier, in Düsseldorf) war das Fahrrad fahren gerade Thema.

Bestimmt kein Zufall, dass sie so was im Winter besprechen, wo es keinen unmittelbar betrifft. Kein Mensch fährt Fahrrad im Moment. Durch Schneematsch, Wind und Regenbäche. Anyway. Die gute Nachricht ist: Der nächste Sommer kommt. Hier, auf diesem Blog, können wirjetzt ebenfalls vorgreifen und die sommerlichen Themen JETZT besprechen. Vielleicht wirkt es sich ja positiv auf unsere Depressionen aus. Let us try!

Zur Veranschaulichung des Themas hier mal ein Beispiel, was passiert, wenn man in meiner Zufallsheimat Düsseldorf auf’s Fahrrad steigt:

Man wohnt vielleicht, ähnlich wie ich, in einem Wohnviertel wie Düsseltal. Die Häuser sind Drei-vier-oder fünfstöckig, die Bewohner gut bürgerlich mit Hang zur Prominenz, es gibt durchaus auch Villen und freistehende Gebäude. Alles gut gepflegt, die Strassen zweispurig, teilweise verkehrsberuhigt, mit Parkplätzen links und rechts, für all die Düsseldorfer Porsches, Cabrios und SUVs. Einige Bäume quetschen sich am Strassenrand zwischen Bordsteinkante und Parklücke, der Bürgersteig selbst ist breit, im Schnitt 3-4 Meter. Der Verkehr ist intensiv, die Fahrspur eng, die Strassenbahn muss schliesslich auch noch durch.

Eines schönen Tages will man in die Stadt. Die Sonne scheint, es weht ein warmer Wind, (Die Geschichte spielt im frühen Herbst) man entscheidet: Fahrradfahren wär doch gut!

Dann spart man das Parkticket oder, noch teurer, die Rheinbahn. Man besitzt vielleicht ein top ausgestattetes Hollandrad und könnte damit theoretisch auf der Strasse fahren. Tut man auch. Bereits nach fünf Minuten hat sich hinter einem eine kilometerlange Schlange durch das halbe Viertel angestaut. Obwohl man so eng am Bordstein fährt, das man schon fürchtet, mit dem rechten Pedal auf Grund zu laufen, schafft der dicke SUV, direkt hinter einem, keinen Überholvorgang. Erst an der nächsten Ampel zieht er mit aufheulendem Motor beim Anfahren an einem vorbei,

aus der runter gelassenen Fensterschiebe grüßt er den SUV Fahrer Gruß: Hand zur Faust geballt, Mittelfinger bort sich in die Luft.

Als man wieder Atmen kann, der SUV Fahrer hat einem seinen Überdruck beim Anfahren unmittelbar in die Lungen ab gegast, entscheidet man, vorübergehend doch auf den Bürgersteig zu wechseln. Er misst gute drei Meter, es ist kaum jemand unterwegs-man wäre dort vielleicht weniger im Weg. Nur von Ferne wankt ein älteres Paar auf einen zu. Sie halten sich an den Händen, er geht am Stock. Links an denen käme man ohne weiteres vorbei. Die beiden scheinen allerdings ein Problem zu haben: Ich höre den Mann irgend etwas rufen, als ich näher komme, wedelt er zusätzlich mit dem Stock. Es geht ihnen nicht gut, die Frau schreit angstvoll und klammert sich an seinem Mantelzipfel fest. Man beschleunigt, es scheint um Leben und Tod zu gehen, aber je geringer die Entfernung, desto bester kann man hören, was der Opa schreit:

„Dat is kein Fahrradweg, junge Frau, sie verstoßen hier gegen die STVO“. Ne. Denen ist nicht zu helfen.

Man schiebt ein Stück, gibt den Herrschaften Zeit, sich zu beruhigen, sie schreien einem wüste Drohungen hinterher, man hört es sicher weit über die Stadtgrenzen hinaus, da, plötzlich sieht man es: Ein Fahrradweg! Unfassbar. Seit wann gibt es den?! Das ist ja super! Mit frischer Farbe, blendend weiss hin gepinselt glänzt er in der Sonne. Man freut sich, man benutzt den Fahrradweg. Er wird auch, tendenziell zumindest, von den Autofahrern respektiert. Eine Schlange bildet sich trotzdem, es IST einfach eng auf Düsseldorfs Strassen, aber nun fühlt man sich im Recht, geschützt durch die Markierung auf der Strasse bis sie plötzlich, nanu, mitten auf der Kreuzung endet.

Man schafft es, sich zu retten. Man schiebt den Rest.

Irgendwann wird man schon ankommen, in der Stadt. Nächstes Mal fährt man aber wieder Auto, so viel ist klar, am Wochenende vielleicht mit der Bahn, da hat man Zeit, da kann man sich das leisten, ach ne, geht ja gar nicht, am Wochenende fährt ja die Linie in die City gar nicht, warum auch immer, man hat das nie verstanden, egal, man ist inzwischen angekommen und stellt das Rad vor einem Kaufhaus zum parken ab.

„Wollen sie da parken?“

fragt ein Typ, schick angezogen, zum shoppen in der Stadt, vermutet man.  Man nickt von unten hoch, gerade mit dem Fahrradschloss beschäftigt, „Tja, Pech gehabt“ sagt da der Mann. „Das ist mein Stammplatz, ich parke immer hier, gehört mir quasi“, und er schiebt sein Luxusbike direkt auf einen zu. Man nickt einfach weiter, nickt, rettet sich, stolpert, flieht. Irrt durch die Stadt, von Ferne hallen noch die Schreie des älteren Paares auf dem Bürgersteig: „Hier gilt die STVO junge Dame, jawoll die STVOOOOO“.

Irgendwann landet man auf einer Brücke, unten fließt der Rhein.

Man zögert nicht, man tut das Richtige: Man wirft das Fahrrad, diesen Störfaktor, runter in den Fluß. Es wird noch eine kurze Weile auf der Oberfläche von der Strömung mit gerissen, dann erscheint der grüne Arm von Vater Rhein, oder von diesem Drachen, der das Rheingold hütet (und damit ab und zu in Düsseldorf shoppen geht) und zieht es zu sich runter, in die Tiefe. Und man weiss, es ist gut, es ist jetzt Friede.

In Zukunft wird man sich einfach nicht mehr fort bewegen.

Man lässt sich einfach auf der Königsalle häuslich nieder und trinkt Kaffee. Man merkt, man ist nun angekommen. Entgültig assimiliert, in dieser Stadt. Man lässt das Geld für sich arbeiten (weil man keines hat, ein völlig müheloser Vorgang irgendwo im Hintergrund) ab und zu, ach was, ständig, UNUNTERBROCHEN, fährt ein SUV, ein Porsche oder ein Lamborghini vorbei, dann erhebt man sich kurz vom Stammplatz im Cafe und applaudiert. That’s it.

So. Äh… Seid ihr noch da?

Liest noch jemand mit? Mist, der Zweifel hat mich wieder. War ich zu kryptisch? Zu gemein?! Also, noch mal simpel und ganz speziell für ganz spezielle Düsseldorfer Leser. Ich wünschte mir, die Fahrradfahrer würden hier als Verkehrsteilnehmer mit eigenen Bedürfnissen anerkannt und entsprechend in den Verkehr eingebunden (mit Fahrradwegen. Also ECHTEN). Bitte informiert mich, wenn es so weit ist. Dann gebe ich den Sitzstreik auf der Königsallee wieder auf. Macht euch inzwischen keine Sorgen. Das ist alles nur die Winterdepression. Ich hab euch lieb, wie immer.

XX Mary Reili

 

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