Meine existenzielle Taxifahrt in die Zukunft. Warum’s jetzt krass wird, bei mir.

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Ich muss mal wieder über meine Liebe zu den Düsseldorfer Taxifahrern sprechen. Wobei hier immer auch die Kölner Taxifahrer gemeint sind. Weil die Taxifahrer in Köln UND in Düsseldorf sich zwar kaum voneinander, jedoch DEUTLICH z. B. von den Berliner Taxifahrern unterscheiden. Das ist jetzt natürlich eine These, aber ich kann die gerne belegen und zwar mit meinen höchstpersönlichen Erfahrungswerten der letzten Woche. In der alles anders kam, als geplant und das nicht nur während der Woche selbst (ausgelöst durch die Ausläufer des großen überatlantischen Sturmes Xavier) sondern grundsätzlich und die nächsten drei MONATE betreffend.

Ich fang mal von vorne an: Das Taxigewerbe ist in Köln und Düsseldorf fest in türkischer Hand. Und türkische Taxifahrer orakeln gern. Oder vielmehr philosophieren sie. Ein türkischer Taxifahrer fährt niemals schweigend neben einem her. Er fragt kurz, wohin die Reise gehen soll, schüttelt dann abwägend den Kopf (nicht verneinend, eher auf die orientalische Weise, ein bedächtiges Wiegen) und gewinnt so Zeit um die thematische Entscheidung für den Fahrtverlauf zu treffen. Die inhaltliche Route.

Auf der Hinfahrt ging es um das Thema: Weltrettung. Wie man die Welt retten könnte. „Die da oben (mein Taxifahrer zeigte durch sein Schiebedach in den sturmzerfetzten Wolkenhimmel) die kriegen’s nicht hin“.

Ich dachte erst, er meint die Götter. Seinen, vermutlich islamischen, meinen, vermutlich christlichen oder sonstwelche. (Wobei ich zur Zeit gottlos unterwegs bin. Aus steuerlichen Gründen aus der Kirche ausgetreten. Einfach zu gierig, diese Kirchen. Wenn ihr versteht, was ich meine).

Tatsächlich meinte der türkische Taxifahrer aber eine Ebene drunter. Nicht den Olymp, nur den Bundestag. „DIE kriegen es nicht hin. Denken nur an eigene Macht, nicht an kleine Mann. Misch. Und Disch“ sagt er. Und dann guckt er mich von der Seite an und lacht. „War nur Witz“. „Kleine Witz“. „Du siehst gut aus“. „Wie deutsche Frau“. „Wie Nicole, kennst du?“.

„Äh…ja, aber hatte die nicht lange Haare?“ (Ich so). Taxifahrer: „Weiss nich. Hatte die? Macht doch nix. Kennst du ihren Song?“. Er fängt an zu singen: „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne…“. DAS sagt der Taxifahrer, das ist der beste Song den er kennt. Und wenn er die Macht dazu hätte, würde alle Welt den ständig singen. Von Kind auf und bis ins späte Alter hinein. „Täg-lisch“. „Das würde Welt retten. DIESE SONG“. Er ist sich sicher.

Ich nicht. Ich bin mir NICHT sicher, ob das wirlich derart positive Auswirkungen entfalten würde, wenn wir alle ständig NICOLE singen müssten. Aber ich sag’s ihm nicht. Warum auch? Er ist ja nicht an der Macht, steht nicht mal zur Wahl. (STÜNDE er zur Wahl, WÜRDE ich mir Sorgen machen. Die Leute wählen komische Sachen. Weiss man ja jetzt).

Ich bin aber mit anderen Sorgen unterwegs. Die Sache mit dem Weltfrieden ist meiner Erfahrung nach die, dass man sich immer dann um ihn sorgt, wenn es einem grundsätzlich eigentlich ganz gut geht. (Was nicht heißen soll, das die Sorge um ihn unberechtigt ist. Man kann da halt nur selten wirklich was für tun, für den).

Mir ging es am entsprechenden Tag zwar grundsätzlich nicht schlecht oder so, tatsächlich aber waren wir zum Flughafen unterwegs, während draussen der Sturm Xavier tobte. Ich hatte also KONKRETE Sorgen. Flugangst bei Sturm. Sturmfluganagst.

Zum Glück hab ich es wieder mal überlebt. Ich bin ja auf jeden Fall selbsternannte Expertin des öffentlichen Personenverkehrs und das Flugzeug ist mit großem Abstand das Existenziellste aller Transportmittel. Adrenalinausstoss=Höhenkilometer.

Soweit die These. Den Taxifahrer betreffend. Das Gegenstück, der BERLINER TAXIFAHRER kommt weniger Philosophisch, dafür, natürlich, mit Schnauze daher. In Berlin erwische ich seltener türkische Fahrer. Ich nehme an, der durchschnittliche Berliner Taxifahrer kommt aus dem ehemaligen Westen. Wahrscheinlich gibt es da irgendein Taxifahrermonopol, das fairer Weise nach der Wende hätte zerschlagen werden müssen, wurde aber nicht.

Der Berliner Taxifahrer glänzte, nach wackeliger Ankunft in Berlin Tegel, erstmal mit totaler Abwesenheit. Fast drei Stunden hab ich gebraucht, um mich vom Flughafen Tegel nach Mitte durch zu schlagen. Es herrschten kriegsähnliche Zustände. Eine mehrere hundert Meter lange Schlange wand sich um den Flughafen herum. Die stark betrunkene Männergruppe ganz vorne (Typ Manager, nicht Typ „betrunken auf Reisen“) meinte, sie hätten jetzt anderthalb Stunden gewartet, aber inzwischen wäre die Schlange auch doppelt so lang.

Wie ich letzten Endes nach Mitte kam, bleibt mein Geheimnis. Auf jeden Fall war Bestechung im Spiel. Falls noch wer an dem Abend in Tegel unterwegs war: Damit meine ich aber nicht, dass ich auf das Schwein rein gefallen bin, dass Wartenden eine Fahrt „egal wohin in Berlin Ab 200,- €“ angeboten hat. So verzweifelt war ich nicht. Und auch viel weniger liquide.

Die Taxifahrer mit denen ich dann in den Folgetagen herum gegurkt bin, gestürzte Bäume und abgerissene Äste umfahrend, waren dann, wie schon gesagt, keine Türken und auch weniger philosophisch unterwegs. Dafür „mit Schnauze“. Einer fuhr ’ne Abkürzung, direkt am Bundestag vorbei. Eine Taxifahrern vorbehaltene Strecke. Vermutlich um Bundestagsmittarbeitern das Taxifahren zu erleichtern. Mein Chauffeur kurbelte die Scheibe runter und brüllte Richtung Glasbeton: „Hier wohnen die Faulenzer! Die wo unsere Steuergelder verprassen tun“. Morgens um halb Sieben. Ich hab mich weg geduckt. So viel Zivilcourage am frühen Morgen ist für eine schwer unausgeschlafene Düsseldorferin einfach zu ungewohnt. Seine Verbkonstruktion am Ende des Satzes hab ich trotzdem notiert. Wegen dem schönen Kontrast zur Aussage. Faulenzen TUN. Ist halt auch schwere Arbeit.

So. Die Geschichte mit dem anderen Taxifahrer, der mir erklärte warum Berlin so schön und der Rest Deutschlands eigentlich unbewohnbar ist, schenke ich mir. Solche Aussagen sind Allgemeinplätze. So denken wir doch eh alle, nicht?

Auf jeden Fall bin ich recht stolz, hier noch schnell eine Kolumne zustande gebracht zu haben, weil ab morgen geht’s erst mal für kommende drei Monate auf Reisen. Zwei Filme und ein Theaterstück in Begleitung meines dreijährigen Sohnes. Es ist ein Experiment. Ich werde versuchen, davon zu berichten. Exemplarisch. Für meine Kolleginnen und Kollegen. Für uns. Die wir alle darüber nachdenken, wie wir es anstellen sollen, in unserem Beruf anständig zu leben, die Miete zu zahlen, unseren Kindern einen Skikurs mit den Klassenkameraden samt Ausrüstung zu finanzieren, ohne das die merken, wie es knirscht, im Gebälk. Drückt mir die Daumen. Bitte. Wenn ihr fest genug drückt, schaffe ich es hoffentlich ab und zu hier weiter zu schreiben. Und ihr bleibt mir irgendwie treu hier, oder? Ohne Euch macht’s mir keinen Spaß mehr. Echt jetzt. 🙂 XX Mary Reili

 

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4 Kommentare

  1. Ich hatte mal einen syrischen Taxifahrer in Köln/Bonn mit dem ich über den „arabischen Frühlung“ fabulierte, bis er plötzlich rumschrie und die Moslembrüder verdammte, da die an allem schuld seien. Wären wir nicht auf der Autobahn gewesen, wäre ich an der nächsten Ampel rausgesprungen.

    1. Stell dir vor, hier, in Deutschland wäre gerade das los, was in Syrien stattfindet. Ichkann jeden verstehen, der darüber die Fassung verliert. Vor allem wenn er selbst betroffen ist. Ich hoffe, ihr seid heil angekommen… 😉

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