Elternkolumne RP

Weil ja alle grad so über die Urlauber schimpfen: Ich war auch unterwegs. In Italien. Da war es so unglaublich leer, das mir das Herz geblutet hat. Aber lest selbst: (Diesmal hier abgedruckt, habe leider keinen link hinter die paywall erhalten. Klappt nicht immer, die von der Zeitung haben viel zu tun 😉 Der Text wurde bereits Anfang August in der Rheinischen Post gedruckt:

„Wir haben uns getraut. Und sind nach Italien gereist.
In den letzten Monaten hat oft genug das Virus uns gesagt,
was wir zu tun haben. Es war Zeit, sich ein Stück Freiheit
zurück zu erobern und dem Virus zu zeigen, was, trotz allem,
möglich ist.


Auf den ersten Kilometern fühlte sich die Reise
unglaubwürdig an. Der Brenner war so leer wie nie. Der
Gardasee war grün, wie immer, nur das es zum ersten Mal bei
unserer Einreise regnete. Wir wurden von einer Reihe
spektakulärer Regenbögen in Empfang genommen. Für die Kinder
in ganz Europa war er während der großen Sperrstunde ein
Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit. Uns erschien das
bunte Tor in die Corona-Ferien wie eine Einladung und eine
Mahnung zugleich: Seid willkommen, aber gebt auf uns alle
Acht.


Wir geben Acht. Verzichten auf allzu viele Ausflüge,
Museumsbesuche, Strandtage, kaufen Pizza auf die Hand, statt
ins Restaurant zu gehen. „Pizza al taglio“. Geschnittene
Pizza zum auswiegen. Ich wusste bis jetzt gar nicht, dass
das in Italien möglich ist.


Wir verbringen die gebuchten zwei Wochen mehr oder weniger
in unserem Ferienhaus auf dem Berg. Ich habe noch nie so
intensiv verschiedenen Wolkenformationen zugesehen. Wie sie
über den Nachbarberg gequollen kommen. Oder den Hügel runter
rutschen, bis in die Olivenhaine im grünen Tal. Während die
Vögel zwitschern, die Schmetterlinge im Lavendel flirten und
ein Colibri seinen winzigen Schnabel in pinke Oleanderblüten
steckt. Urlaub fühlt sich anders an, dieses Jahr. Ruhiger.
Vorsichtiger. Die größte Aufregung bislang wurde von einem
im Kinderbett gefundenen Skorpion verursacht. (Zum Glück
sind toskanische Skorpione ungiftig).
Die Corona-Entschleunigung haben wir auf jeden Fall von zu
Hause mit gebracht. Ob das ein Kopf-einziehen ist? Die neue
Genügsamkeit? Waren wir Menschen nicht immer dann am besten,
wenn wir in Entdeckerlaune waren? Abenteuer, Forscher und
Weltreisende?


„Nein“ sagt mein Sohn und sagen seine Freunde, mit denen wir
(ehrlicherweise) zusammen auf Reisen sind. „Dafür gibt es
jetzt das Internet. Und wir haben ja uns, das reicht.“


Aha. Vielleicht sieht so die Zukunft aus. Die Kontakte
werden weniger, dafür sind sie intensiv, die Welt wird
virtuell entdeckt. Ob das besser oder schlechter ist? Ich
weiß es nicht. „Die Dinge ändern sich, Mama. Das ist ganz
normal“ sagt mein Kind. „Chill mal.“ Vielleicht hat es
recht. Ich hoffe es.

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