Eigentlich bin ich ganz anders…

Bikini: Princess TamTam

…“ich hab nur meistens keine Zeit dazu“ (Zitat von Katarina Schröter. Autorin, Regisseurin, Schauspielerin, Freundin).

Ich war beim Friseur. Es war ein Desaster.

Eigentlich ist die Sache mit den Haaren auf dem Kopf ja super. So modetechnisch und auch für uns Schauspieler. Andere Rolle, neue Frisur. Ein Prinzip, das wir beruflich nutzen (können) und ein Effekt den jede kennt. Neuer Lebensabschnitt, frischer Schnitt, schönere Farbe. Der Klassiker. Nur, ICH WOLLTE DAS NICHT! Ich wollte eigentlich ganz genau die bleiben, die ich WAR. Die, mit der Frisur, die ich seit Jahren trage. Seit ich innerlich gefestigt bin und meine Identität gerne vor laufender Kamera ändere (bezahlt) und nicht mehr ganz so oft privat (und kostenlos).

BLOND, KINNLANG. BISSCHEN WELLE AUF DEM KOPF. Tja. Das ist nun passe. Aus vielen Gründen.Und, wie könnte es anders sein, aus eigener Schuld, denn: Ich war zum schneiden auf dem Land. Fragt mich bitte nicht, warum ich so was mache. Vielleicht wollte ich sparen. Zeit. Oder Geld? Vermutlich beides. Ich kann mich schlecht erinnern. Ein grauer Schleier liegt jetzt über diesem Tag, der mich veränderte, während ich in einem ländlichen Friseursalon in einen trüben Spiegel starrte und aus einem Grund den ich selbst nicht ganz verstehe, einfach sitzen blieb, auch als schon SICHTBAR war, dass es kein gutes Ende nehmen würde.

Ein bisschen war die Zeitmaschiene schuld. Es war nämlich nicht irgend ein Land, in dem ich zufällig auf den Salon gestoßen bin, es war mein Heimatland. Irgendwo hinter Köln. Die Kernkraftwerke, die Rübenfelder, ihr erinnert euch… Es war der Salon meiner Jugend. Auf dem Dorf. Die Besitzerin, Manuela, hat mir die Haare schon geschnitten, als ich Teenie war. Blond damals, dürr und sehr verwirrt (wie alle Teenies). Ich erinnere ein Gefühl des ausgeliefert seins, Kontrollverlust, Machtlosigkeit, Verzweiflung und die Worte meiner Mutter: „Wächst schon wieder“.

Eine Lehre hab ich leider nicht daraus gezogen. Das kommt davon, wenn man, wie ich, zu viel verdrängt. Dann dauert es zu lange, bis wertvolle Erfahrungswerte an die Oberfläche poppen. Sie poppen schon, darauf kann man sich verlassen, aber wenn man dann bereits den Friseurumhang trägt und angstvoll in den Spiegel starrt, ist es zu spät. Dann ist man längst dabei, den Kontakt zur eigenen Persönlichkeit zu verlieren, ein Prozess der sich in diesem Fall unmittelbar auf dem eigenen Kopf manifestiert. Dabei waren die Trigger durchaus stark.

Zum Beispiel der Geruch. In dem Salon von Manuela, irgendwo vor Köln, roch es wie früher. Nach Haarspray (Marke Elnett) und Zigarettenrauch. Im Nebenzimmer, dem Rückzugsort der Angestellten, stand ein riesiger Aschenbecher. Die kurz gerauchten Zigarettenstummel bunt gefärbt von den pinken und roten Lippen der Friseusen. Die Zigaretten könnten, jetzt wo ich drüber schreibe, fällt’s mir auf, tatsächlich auch der Grund dafür gewesen sein, dass mein (mühsam aus Erfahrungswerten etabliertes) Selbstwarnungssystem durcheinander gekommen war.

Genau genommen waren es wohl die Hände der Friseurin. Immer wenn ihre Finger auf dem Weg zu meinem Kopf, meinem Gesicht zu nahe kamen, mischte sich in den Duft der Vergangenheit (Elnett, Zigarettenqualm aus dem Nebenzimmer) der Geruch von verbrannten Horn und angesengtem Plastik.. (Man kennt das, von Maskenbildnerinnen, die das ihrerseits leider nicht zu kennen scheinen. Hände haben durchaus einen Eigengeruch, der Geschichten erzählen kann. Oft genug nicht die Geschichten von denen man träumt, wenn der Handbesitzer einem gleichzeitig mit seinen müffelnden Pfötchen im Gesicht rum fummelt. Hände sind olfaktorische Verräter, was das angeht).

Der Geruch war allerdings nicht das Schlimme. Das Schlimme waren Manuelas Nägel. Lang, dick und künstlich. Man hat kein Gefühl in den Dingern, ich hab mir das immer schon gedacht. Jetzt WEIß ich es. Nachdem sie mehrmals tief in meiner Kopfhaut steckten und ein roter Kratzer auf meiner Stirn anschwoll, während Manuela sich mit ihrer Kollegin über Karnickelpflege unterhielt. Also, ich DACHTE, erst, dass sie sich über die Pflege von Karnickeln unterhielten. Tatsächlich sprachen sie darüber, wie man Kaninchen am besten schlachtet. Per Nackenschlag, wenn ich es richtig verstanden habe. Der direkte Schlag auf den Kopf ist schwierig, wegen der Ohren. An denen soll man bloß nicht ziehen, das verstößt gegen das Tierschutzgesetz.

So oder so ähnlich hab ich es verstanden unter meinem Schampooschaum. Ich hatte allerdings Schaum in den Ohren und konnte mich schlecht konzentrieren, weil das Auftreffen von Kunstharz auf meiner Kopfhaut kleine Schmerzblitze durch meinen Schädel schoss. Bevor ihr also eure Karnickel nach der hier überlieferten Methode schlachtet, googelt lieber nochmal nach.

Das Shampoo roch übrigens nach Marzipan, immerhin. Hinter mir saß Jabba de Hut in Frauenkleidern. Wir lächelten uns freundlich im Spiegel zu. Ich war etwas verwirrt, weil Jabbas Haare über Jabbas Kopf zu schweben schienen. Ein goldener Flaum, nach aussen hin ins rötliche auslaufend, stand wie eine Ahnung von Feuer über Jabbas eierförmigem, spiegelblankem Kopf.

Ich war gespannt, welche Art von Dienstleistung Jabba beim Friseur erhalten würde, oder ob sie nur gekommen war, um sich über Karnickeltötungen auszutauschen, aber das Zeug auf ihrem Kopf lies sich tatsächlich waschen, färben und in Locken legen. „Unfrisiert geh isch nischt aus dem Haus“ sagte Jabba zu ihrer Friseurin (die, wie ich dem Gespräch entnehmen konnte, eigentlich ihre Tochter war).

Wir nickten alle, in dieser Sache herrschte Einverständniss im Frisuersalon und als ich nach diesem kurzen Zwiegespräch wieder in den Spiegel schaute, war es um meine Frisur bereits geschehen. Schätze meine Friseurin hat in einem unbemerkten Augenblick die Gartenschere eingesetzt. Während ich mit Jabbas Frauenkleidern, ihrer offensichtlichen Vollglatze und dem Phänomen ihrer schwebenden Frisur beschäftigt war.

Tja. Nun bin ich eine, an die ich mich immer noch gewöhnen muss. Eine, die weiss, wie man Karnickel tötet. Und wie man Jabbas frisch frisiert. Und eine, die weiss, warum Jabba-Haare schweben können. (Es geht so: Ihre unglaublich wenigen, dünnen Haare wachsem im Ansatz farblos nach. Hab ich auch noch nie irgendwo gehört, das es so was gibt. Scheint bei Jabbas aber so zu sein. Nachdem Jabba frisch gefärbt unter ihrer Trockenhaube auftauchte, konnte man sie nämlich wieder sehen. Einzeln und jetzt kirschrot gefärbt schmiegten sie sich netzartig an ihren Schädel. Leider hab ich nicht mehr gesehen, wie das ganze frisiert und mit einer Tonne Elnett in der Luft fixiert aussah. Naja. Ich kann es mir ja vorstellen. Manchmal ist das schon genug.

Das verrückte an der Sache ist: Kurze Zeit nach dem Friseurbesuch musste ich mir die Haare färben. Knallrot. Die Jabbafarbe. Für eine Rolle, Projekt geheim. Aus Gründen. (Nur getönt, keine Sorge, nach Ende der Dreharbeiten wird alles wieder gut, äh blond). Bis dahin muss ich fortwährend den Zwang unterdrücken, jedem, dem ich zufällig begegne, sofort zu erklären, dass mein aktuelles Erscheinungsbild eine Täuschung ist. Nicht ich. Also nicht die, zu deren Erscheinung ich mich uneingeschränkt bekenne. Ist wirklich eine Herausforderung, als eine rum zu laufen, die man gar nicht ist.

Ganz hart sind die Drehpausen. Wenn sich die Farbe raus wäscht, aber nur an manchen Stellen. Heute zum Beispiel bin ich grundsätzlich erdbeerrosa mit blonden Strähnen und Aspekten von Orange. Jabbas Haare sind ein Dreck dagegen. Und ihre Einstellung bravourös: Egal was drauf ist auf dem Schädel, hauptsache es ist irgendwie frisiert. Naja. Ich geb es zu: Ich leide schon ein bisschen. Immerhin habe ich meine Geschichte (mal wieder) öffentlich gemacht und ihr seid jetzt gewarnt: Vorsicht vor ländlichen Friseuren und vor allzu knalligen Haarfarben. Es dauert, bis das wieder wird äh wächst.

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