Die Greta-Thunberg Generation

Kleid: Marianna Deri

#kompliziertegedanken #zummuttertag

Es ist kompliziert. Schon lange will ich etwas über SCHÜLER schreiben, über die neue Generation, die Greta-Thunberg Aktivisten, die Gaming-Spezialisten, die Generation G8 (G8 bedeutet 8 jähriges Gymnasium, für alle die nicht so in der Materie sind) aber: Es ist kompliziert. Ich sagte es bereits. Mein Sohn wächst da ja gerade rein, ins Teenageralter, ich bin also direkt betroffen und natürlich möchte ich sie gern verstehen, diese jungen Menschen, die gerade für ihre Zukunft protestieren und deren Jugend in vielem völlig anders ist, also meine Kindheit, meine Jugend war.

Ich bin auf dem Land groß geworden,

irgendwo bei Köln. Da wo die Rüben wachsen und die dicken, weissen Wolken der Kernkraftwerke vorrüber ziehen. Ich hab mich nach der Schule mit den Dorfkindern getroffen, wir haben heimlich geraucht, im Sommer sind wir mit dem Rad ins Freibad geradelt, haben die BRAVO gelesen und am Büdchen Süßkram gekauft. Später bin ich in die Stadt getrampt. Nach Köln. Das Dorf in dem wir damals wohnten, verfügte über keine eigene Verkehrsanbindung. Meine Brüder machten mit 16 ihren Mofaführerschein, ich machte so was nicht, ich zog mir kurze Röcke an und hielt am Dorfeingang den Daumen raus. (Ich wurde immer umgehend mit genommen und zwar immer von Familienpapas oder Mamas, die verhindern wollten, das mir was passiert. Was soll ich sagen, sie haben es verhindert, mir wurde nicht ein Haar gekrümmt und ich war eigentlich ständig in der Stadt).

Mein Sohn ist ein Stadtkind.

Düsseldorf. Er ist das einzige Schauspielerkind der ganzen Schule. Die anderen Eltern verfügen (anscheinend) über geregelte Einkommensverhältnisse (bei vielem kommt ein Erbe begünstigend dazu). Die Schulkameraden meines Sohnes besuchen nachmittags Sportvereine, (Eishockey, Tennis und Golf (!) sind die Spitzenreiter, wie gesagt, it is Düsseldorf, we are living in), manche bekommen Musikunterricht, einige müssen Nachhilfestunden nehmen. Zwei Mal in der Woche gehen sie bis 16:15 zur Schule, an diesen Tagen kommt mein Sohn erst nach 17:00 Uhr nach Hause. Die meisten Schüler, die ich in seinem Alter kenne, sind ziemlich fleissig in der Schule, das heißt, sie machen viel und regelmäßig Hausaufgaben. Jedes Kind besitzt ein Smartphone und einen whattsapp account. Die Mädchen nutzen teilweise instagram, facebook ist out. Die Jungs spielen Computerspiele. Freizeit ist Mangelware.

Ich spreche hier nicht von meinem Sohn persönlich, ich beschreibe einen Status quo, der wahrscheinlich (hoffentlich) im Einzelfall so gar nicht stimmt. Ziemlich sicher bin ich mir allerdings bei der Sache mit der freien Zeit. Der Zeit, die junge Menschen für sich ganz alleine haben, einfach so, um abzuhängen, Scheiße zu bauen, heimlich zu rauchen und im Baggersee zu schwimmen ist definitiv weniger geworden. Wenn es sie überhaupt noch gibt. Ich erlebe es jedes Mal, wenn wieder Ferien sind. (Es sind STÄNDIG Ferien, wochenlang ist keine Schule, zum Beispiel im Sommer, wenn der freischaffende Schauspieler an sich hoffentlich ein paar Filmchen dreht, oder irgendwo Sommertheater spielt, dann muss man alle diese Wochen mit Beschäftigung füllen, mit Sommertheater-workshops für das Kind, mit Feriencamps an der Ostsee, in Düsseldorf, oder, der neue, heiße Scheiß, mit Sprachcamps in England oder Südeuropa).

Kinder die einfach so zu Hause abhängen, kenne ich nicht.

Weder in den Ferien, noch unter der Schulwoche. Das fällt vielen vielleicht gar nicht so auf, aber mein Job, von dem ich oft das Gefühl habe, dass er mich von gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten isoliert (wegen seiner ungewöhnlichen Arbeitszeiten und seiner unregelmäßigen, kurzfristigen Unplanbarkeit) also dieser Job macht vor allem den Sommer, diese sechs Wochen ohne Schule und Kindergarten, zu einer teuren und kaum zu organisierenden Lebensphase.

Ich bin mir sicher, meine kinderreichen Kollegen kennen das. Die meisten Sommerkurse muss man Monate vorher buchen, die besseren sind richtig teuer und wer zahlt schon hunderte Euro im Vorraus, wenn es sein kann, dass genau in den zwei Wochen, wo der Kurs dann liegt, alle überraschend frei haben und man doch noch kurzfristig eine Familienreise anberaumen könnte? (Ergänzend muss ich hier anfügen, dass ich hier sicher eine sehr bürgerliche Perspektive habe. Wahrscheinlich gibt es jede Menge Gettho-Kids, die im Sommer sechs Wochen zwischen verwahrlosten Hochhäusern abhängen. Irgendwo in Marzahn, Chorweiler oder Mümmelmannberg. Auch bitter. Aber: Ich spreche hier über meine unmittelbaren, persönlichen Erfahrungen. Und ich bin halt eine Bürgerliche. Könnte besser, könnte schlimmer sein).

Worauf ich hinaus will: Mein Sohn hat immer wieder frei. Also so richtig. Keine Schule, keine Kurse, nix. Planungslücke. Sommerferiendesaster.

Und in diesen Lücken merken wir das dann: Es gibt keine anderen Kinder, die frei haben. Alle sind immer durch geplant. (Während der Schuzeit eh. Freie Nachmittage sind eine absolute Seltenheit. Kinder, die spontan vorbei kommen: Nein. Geht nicht. Haben Hockey, haben Förderstunden, lernen Zweitsprache oder haben Unterricht in irgendeiner Muttersprache. uswusf). Ich frage mich:

Was macht das mit den Kindern?

Das die nie frei haben? Frei haben und frei sein hat ja durchaus etwas miteinader zu tun, oder wie seht ihr das? Freiheit muss man ja auch aushalten können. Und gestalten. Etwas, womit meine Generation durchaus zu kämpfen hatte. Wir waren ja wohl relativ frei in unseren Entscheidungen. Ich kenne viele, die DARAN gescheitert sind. Jetzt wachsen da welche heran, die zumindest keine Frei-zeit kennen. (Meiner Beobachtung nach. Wenn ich mich irre, gebt Bescheid).

Immerhin gehen sie jetzt auf die Strasse.

Allein schon dafür sollte man Greta Thunberg dankbar sein. Die brauchen doch alle mal frische Luft, diese Jugendlichen. Frische Luft und freie Zeit. Zeit, über die sie selbst verfügen können. Dass sie dann so was wahnsinnig sinnvolles daraus machen, und für ihre Zukunft kämpfen, für ein Leben in einigermaßen intakter Natur, das tut mir richtig leid für sie. (Nicht nur wegen dem, was auf diese Generation an potenzieller Negativentwicklung entgegen kommt). Wegen mir dürften die auch einfach mal GEGEN irgendetwas sein. GEGEN das Schulsystem. GEGEN die hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden. GEGEN ihre selbstverwirklichten, karrieregeilen Juppie-Eltern. (Und das nicht nur in Düsseldorf).

Aber: So sind sie nicht. Dafür haben sie keine Zeit.

Sie müssen jetzt schon für ihre Zukunft kämpfen. Ihre Karriere vorbereiten. Sich international aufstellen. Ihr Insta-Profil pflegen. Abonnenten sammeln. Die Klimakathastrophe verhindern. So ist die Welt, in die ich Kinder hinein geboren habe. So ein Umfeld haben wir für die bereitet.

Und Greta Thunberg, die ein bisschen aussieht wie Jeanne d’Arc, macht das gerade sichtbar.

Kein Wunder, dass vor allem ältere, weisse Männer (aber auch Frauen) sich gegen dieses Kind empören. Die sind einfach am weitesten von dieser Generation entfernt. (Und derzeit wirft man ihnen (den „bösen, weissen Männern“) gerne vor, die Verantwortung für viele, dieser Entwicklungen zu tragen). Liebe ältere, weisse Männer, liebe Frauen und liebe Alle, die ihr euch gegen die jungen Klimaaktivisten und ihre Zöpfchen tragende Anführerin empört:

Diese sehr nachdenkliche Kolumne habe ich auch für euch geschrieben. Lest sie. Und denkt mal drüber nach. XX Mary Reili

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