Der böse Blick, Otto Dix in Düsseldorf

Der böse Blick

Seid Ihr Museumsgänger? Geht ihr gerne ins Museum? In die laufenden Ausstellungen? Und in die, mit Eventcharakter? Ich ja. Ich bin schon immer gern in’s Museum gegangen. Als ich in Bochum auf der Schauspielschule war, bin ich zum Überleben nach Düsseldorf gefahren, um mir Ausstellungen anzusehen. Seit ich Kinder habe, hat dieser Reiz für mich nachgelassen. Das hat sicher damit zu tun, dass ich seitdem keine Zeit mehr für Ausstellungen habe. Keine kinderfreie Zeit. Und Ausstellungsbesuche mit Kind sind zwar sehr interessant, allerdings nicht wegen der Bilder, die da hängen. Nur wegen allem drum rum. Da lohnt sich ein Ausstellungsbesuch allemal.

Sehr zu empfehlen für meine Düsseldorfer Freunde ist die aktuelle Otto Dix Ausstellung. Sie heißt: „Der böse Blick“. Sehr treffend. Otto Dix ist der Typ, der diese expressionistischen Portraits gemalt hat. Der Erfinder der Karikatur. Sag ich jetzt mal so. Mit meinem völlig banalen Kunstverstand. Bin ja nur selber Künstlerin. Was weiss denn ich. Die Otto Dix Ausstellung habe ich als künstlerisch sehr ergiebig empfunden. Hoher Mehrwert. Sie setzt sich nämlich fort. Die Ausstellung funktioniert absolut über die Ausstellung hinaus. Und ist deshalb ihr Geld, auch für Eltern die da maximal eine Stunde drin rum rennen, in dem Ausstellungskomplex, ihr Geld wert. Weil man nämlich schon während der Ausstellung den Blick so Otto Dix-mäßig umstellt und einem im Anschluss und auch im Rückblick alle Gesichter in die man blickt, wie Otto Dix Portraits erscheinen. Vor allem die Gesichter von diesen Wächtern, die da überall rum stehen, in den Museen. Sind das Wächter? Nennt man die so? Ich hab keine Ahnung. Früher hab ich die nur im Augenwinkel wahrgenommen, aber seitdem ich mit KINDERN dort hingehe, in die Museen dieses Landes, wirken die äußerst präsent auf mich, diese uniformierten Museumsmitarbeiter.

Und die Mitarbeiter der Kunstsammlung NRW sind sowieso eine Reise wert. Sie sind bemerkenswert langsam und genau. Ich bewundere ja schon immer die Kassierinnen bei meinem Düsseldorfer REWE. Über die ist schon seit Monaten eine Kolumne in Arbeit, ich weiss nur nicht, wie ich über die schreiben soll, ohne aus Versehen Schleichwerbung für ALDI zu machen, weil die alle immer so verdammt schnell sind dort. Also bei ALDI, nicht bei REWE. Da sind sie verdammt langsam. Aus verschiedenen Gründen. Die ich dann entsprechend schildern werde, wenn die dran sind, die REWE  Mitarbeiter.

Heute sind die Museumsmitarbeiter der Otto Dix Ausstellung dran, und die sind auf jeden Fall die Langsamsten von allen. Sie nehmen die Sache einfach sehr ernst, dort. Freuen sich über jeden Mitbürger, der den Weg dort hin gefunden hat, in die wichtigste laufende Ausstellung der Stadt. Nur nicht über die Kinder. Vor Kindern haben sie Angst. Ich denke, deshalb veranstalten sie auch diese Temposache an ihren Kassen. Es ist so eine Art Geduldsprobe, der nur die künstlerisch wirklich sehr interessierten Menschen und die mit ausdauerndem Stehvermögen Stand halten. Die kleinen Mitbürger aber, fangen natürlich irgendwann an, aus der Reihe zu tanzen. Und da setzt dann das Konzept von den uniformierten Mitarbeitern an. Bei der Prävention. Von Kindern.

Einer von denen, bestimmt ganz speziell für diesen heiklen Einsatz geschult, sprach uns an, als wir da in der Schlange vor der Museumskasse standen, während unsere Söhne sich eine interessante Choreographie um die Schlange herum ausdachten. Und auch durch den restlichen Raum hindurch. Die Schulung von dem Mitarbeiter  scheint mir aber eher oberflächlich gewesen zu sein. Er könnte sich das Thema DISKRETION noch einmal vornehmen. Oder einfach die Stimme nicht ganz so laut erheben, wenn er Eltern fragt, ob sie WIRKLICH SICHER sind, dass sie die OTTO DIX Ausstellung sehen MÜSSEN. Am besten wäre es eigentlich, sie drucken einen Zettel für Eltern und andere Betroffene, auf dem steht: KINDER VERSTEHEN DOCH EH NIX HIERVON; GEHT MIT DENEN BESSER INS SCHWIMMBAD ODER SO.

Zum Glück hat Otto Dix dem etwas entgegen zu setzten. Indem er sie alle zu Ausstellunsobjekten erhebt, diese Wächter in ihren Uniformen, die da rum stehen und sich wahrscheinlich tödlich langweilen und deshalb diebisch freuen, wenn irgendwelche Eltern (zum Beispiel wir) es schaffen, den Zerberus im Eingangsbereich zu überwinden und tatsächlich die Ausstellung betreten mit ihren kleinen, tickenden Zeitbomben. Dann schiessen sie hervor aus ihren Löchern. „Nicht berühren“ schreien sie, wenn ein Kind einen Schritt auf ein Ausstellungsobjekt zu macht.

Mein Sohn z. B. berührte einen Schwarzweißfilm. Nicht die Filmrolle, weiss Gott, er berührte die Wand, auf die ein historischer Schwarzweißfilm projiziert wurde. Ich fand, er sah total süß aus, wie er da so klein und pummelig und sehr unschuldig in dieser Dokumentation herum hopste, geradezu eine BEREICHERUNG, wie er da diese sehr bekannten Bilder der Weimarer Republik mit seiner offensichtlichen Heutigkeit aufwertete. Die Wächter sahen es anders. Sie sahen es mit Sorge. Mit sorgenverzerrter Otto Dix Visage. Wir haben eine zeitlang diskutiert, ob die WAND auf die ein Film projiziert wird, nun angefasst werden darf oder nicht, dann gab ich auf. Man kann nicht besonders lange diskutieren, wenn man einen lebhaften Dreijährigen in eine volle Ausstellung geschleppt hat. Kinder sind neugierig. Die wollen was erleben.

Die Kleinen eh‘, aber die Großen können auch durchaus effektiv sein. Mein Großer interessiert sich tatsächlich für den DUKTUS. Für die, die jetzt nicht wissen, was ich meine: Das ist die Pinselführung, der persönliche „Strich“, der in die Interpretation eines Kunstwerkes auf jeden Fall miteinbezogen werden sollte. Mein Sohn wollte ihn einbeziehen. Den Duktus. Tatsächlich ist er ein kunstaffiner Mensch. Aber das können die ja nicht wissen. Die Mitarbeiter. Die sehen nur ein Kind, das sehr nah, GEFÄHRLICH nah vor einem Ölgemälde steht. Man muss schon bisschen ran gehen, um den Duktus zu studieren. Naja. Wir sind dann einfach gegangen. Aber ich bedanke mich bei Herrn Otto Dix dafür, dass er so freundlich mitgedacht hat und dermassen effektiv nachwirkende Bilder malte. Vielleicht hätte ich sonst mein Geld zurück verlangt.

P.S. In München hab ich es viel entspannter in Erinnerung. Da hab ich mal (vor Jahren) eine chinesische Konzeptkunstausstellung besucht. Mit meinem damals dreijährigen großen Sohn. Eine der Skulpturen, (oder sagt man in dem Fall was anderes dazu? Bei Konzeptkunst kann man ja immer gar nix sagen, bevor man nicht das Kleingedruckte gelesen hat). Also dieses KONZEPTKUNSTWERK bestand auf jeden Fall aus einer langen Bahn hintereinander ausgelegter Hölzer. Sehr interessant. Fand mein Sohn auch. Deshalb nahm er eines der Hölzchen auf und zerbrach es. Er war so ein Kind. Wollte immer wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Leider hat uns einer der Wächter dabei erwischt. Unsere Blicke trafen sich genau in dem Moment, als das Hölzchen brach. Das wird teuer dachte ich noch, als der Wächter sich bückte, das letzte Hölzchen aus der Reihe griff und wortlos in die entstandene Lücke legte. Wir vermieden es, uns nochmal anzusehen. Ich ging einfach weiter. Er auch. Wir taten so, als ob es ganz genau so sein sollte. Das Kunstwerk. Aber ich hab dem das nie vergessen. Seine Aktion habe ich  immer als zutiefst menschliche Reaktion auf den musealen Kunstbetrieb begriffen. Und ein bisschen stolz bin ich natürlich auch, das da eine zeitlang, von der Welt ganz unbemerkt, ein Werk ausgestellt war, das oberflächlich betrachtet ein unverständliches, chinesiches Konzeptkunstwerk darstellte, in Wahrheit aber eine museumskritische Gemeinschaftsinstallation von einem Dreijährigen, seiner Mutter und einem unbekannten Münchner Museumsmitarbeiter war.

 

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2 Kommentare

  1. Hast Du schön geschrieben, Mareile!
    Gott sei Dank gibt es noch irgendwo das „leben und leben lassen“ in Bayern und, wenn man nicht aufhört zu suchen, vielleicht auch in NRW.
    Lese gerne Deinen Blog!
    Harald

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