Der Weihnachtsschatten. Ein emotionales Phänomen.

Foto @Dirk Ossig

Oh Tannenbaum. Vor Schrankwand. Vor Bücherregal, neben Fernseher im Wohnzimmereck, Oh Tanne an Tischkante, Tanne in Wintergarten, Tanne auf Tisch, leuchtend in jedem Fall, mal dezent geschmückt, sogar pur, dann wieder mit funkelnden Klunkern behängt, die grünen Blätter auch zur Winterzeit so-ho grün, wenn auch gebogen unter der Lametta-Last… Wenn ein Ausserirdischer in den letzten Tagen zufällig durch meine timeline gescrollt wäre, oder ein Zeitreisender, er müsste annehmen, wir huldigen hier der Natur,

bringen ihr ein Opfer dar, feiern sie, aber nein, tun wir nicht, wir huldigen nur einer Tradition, die sich, vor vielen Jahren schon, verselbständigt hat, „oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren. Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Treu und Kraft zu jeder Zeit.“

Ich weiss ja nich. Ob es bei mir funktioniert.

Und wie geht es euch? Wie habt ihr die hohen Feiertage weg gesteckt? Habt ihr die dunkle Nacht und die ganze lazy-shut-down-cozyness überlebt? Ich freu mich ja jedes Mal wie irre drauf aber wenn es dann da ist, das Fest des Lichts, überfordert es mich irgendwie.

Wo viel Licht ist, fällt immer auch viel Schatten.

Ich kenne nicht wenige, die an einem, meines Wissens nach noch (!) unbenannten Symptom leiden. (Achtung, ich benenne es:) Dem WEIHNACHTSSCHATTEN.

Wenn alle Zeichen auf Freude und Genuss stehen, der Kühlschrank ächzt, die Leber stöhnt, die Kinder überfordert nach (noch) besserer Unterhaltung schreien, der Beleuchtung erbarmungslos glitzert, blinkt und glüht, befällt manch eine*n der Zweifel, wenn die eigenen Emotionen nicht mitziehen. Die sozialen Netzwerke tun natürlich ein übrigens. Wenn ALLE, so ausnahmslos glücklich und strahlend im Wohnzimmer vor dem Oh Tannenbaum posieren (selbst ein ehemaliger Bundeskanzler mit fortgeschrittener Demenz) kann man sich scheußlich alleine damit fühlen, dass einem eigentlich die Herausforderungen eines stinknormalen All-tags besser schmecken, als Marzipan, Bratapfel und Zimt.

Man kennt das Phänomen von in die Hose gegagenen Hochzeiten. So phantastisch, wie es auf den Fotos der Anderen aussieht, kann es gar nicht sein. Und an Weihnachten steht einem nicht mal die Option offen, EIGENE Bilder zu kreieren. Individual-Weihnachten gibt es irgendwie nicht. Auf jeden Fall nicht im Netz. Oh Tannenbaum.

Mich trifft er jedes Jahr. Der Weihnachtsschatten. Zu viel Glück ist anstrengend. Ich komme da nicht hinterher, mit meiner Dankbarkeit. Und fühl mich irgendwie geprüft. Keine Ahnung. Das war schon immer so. Oh T- … Naja. Was kann der Baum dafür? Ich wollte euch das nur mal mitteilen. Allen, denen es ähnlich geht, wie mir.

Ihr seid nicht alleine!

Ich glaube übrigens, dass das dazu gehört. Es liegt im Wesen des Glücks begründet. Glück als Konzentrat funktioniert einfach nicht. Im Gegenteil: Wenn wir besonders glücklich sind (oder sein sollen) empfinden wir den Abgrund, über dem wir schweben, besonders tief. Die einen, weil sie gerade drüber schweben, andere vielleicht, weil sie schon beim Start ins große Weihnachtsglück gestrauchelt sind. (Von der Scham in Anbetracht der großen Weltungerechtigkeit einmal ganz abgesehen. Die brennt auch nie intensiver, als gerade jetzt. Um so energischer wird sie verdrängt.) Wo viel Licht ist, fällt viel Schatten. Stimmt einfach immer.

Frohe Weihnachten!

(Drauf verzichten würde ich trotzdem nicht. Nie! Totale Hassliebe. Ich ziehe es durch. Schon allein, der Kinder wegen. Die Kinder helfen gegen den Weihnachtsschatten eh am allerbesten. Aber das tun sie ja sowieso. Immer. Drüber reden hilft auch. Danke an dieser Stelle, für ’s mit-lesen. 😉 Mir persönlich hat dieses Jahr dann noch eine lange Wanderung nach Weihnachten sehr gut getan. (Ich bin einfach kein Sofa-Typ. „Stay at home“ ist für mich wirklich eine ganz große Herausforderung.) Wo wir bei den neuen Corona-habits angekommen wären. Normalerweise hilft es mir am allermeisten, Freunde und Verwandte zu treffen, mit denen ich mir zu Silvester die Seele aus dem Leib feiere. Aber: Lassen wir das. Wir sind alle Erwachsen und groß. (Im Gegensatz zu den Kindern, aber auch das ist ein anderes Lied.)

Wie dem auch sei: Hallelujah, es ist vollbracht! Schön war sie wieder, die Geburt des Herrn.

Bach. Fließt durch Winterwald. Gar nicht mal so schlecht. 😉


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