Coronakinder. Kindheit im Kinderzimmer. Das ist nicht fair!

Foto @Dirk Ossig

Nein. Es ist kein „1.Welt Problem“. Ich bin auch keine schlechte Mutter. Glaube ich. Wobei man dass ja immer denkt. Täglich, zur Zeit. Mir zumindest geht es so. Ich habe mich entschieden, dass als Indikator zu nutzen. Dafür, dass ich, so lange ich noch die Nerven habe, mich in Frage zu stellen, am Ende des Tages mehr Plus-als Minuspunkte gesammelt haben muss. Auf dem Konto, wo sich entscheiden wird, ob ich eine gute Mutter bin.

Ich schicke diese Anmerkungen meinem Text vorweg. Weil er eine Geschichte hat. Er hat nämlich schon zwei shitstorms abgekriegt, mein Text. Einen ausschliesslich männlichen. Inhaltlich war der Tenor: „1.Welt Probleme. Wenn die Mittelschicht weint“. (Shitstormzitate.)

Der zweite Storm hat mich viel mehr überrascht. Weil er von Müttern kam. Die meine pädagogischen Fähigkeiten angezweifelt haben. Ich hab den Text dann zurück gezogen. Weil es darin um meine Kinder geht. Und ich wollte nicht, dass sie plötzlich an irgendeiner Front rum stehen, an der ihre Mutter kämpfen will.

Aber ich wurde ermutigt. Vom Gegenstorm. Von denen, die den Text gerne geteilt hätten. Die haben gesagt: Jetzt erst recht, aber MIT der Vorgeschichte. Weil auch die symptomatisch ist. Und mit Schuld an dem Scherbenhaufen, vor dem wir (Eltern) derzeit stehen. (Die kinderlosen VERSTEHEN einfach nicht, was an dem bisschen homescooling so schwierig sein soll, „kommt die nicht mit ihren Kindern klar?“) Und die Anderen? Nun, die können sich vermutlich einfach nicht mehr konzentrieren. Oder sie erliegen der Gefahr des Besserwissens, oder eher des Bessermachens, was bei Eltern leider vorkommen soll. Hier hilft es nicht. Hier hilft nur Solidarität und dran bleiben. Hoffe ich.

Und zu diesem Zweck, teile ich ihn nochmal hier, den Text. Im geschützten Raum, auf meinem Blog. Für alle die, wie ich, Probleme mit dem „homescooling“ haben und Kinder zu Hause, die dringend ihre Freunde wieder sehen müssen. Und zwar regelmäßig. Und in Echt.

„Mein Sohn darf demnächst zurück in den Kindergarten. Er möchte aber nicht. Er macht sich Sorgen. Dass er dann „Corona kriegt.“ Er möchte auch seine Freunde nicht mehr sehen. „Das darf man nicht, Mama“ sagt er. Und damit hat er auch noch Recht. Das Kontakverbot besteht. Theoretisch. Wir laufen durch die Innenstadt, als wir über seine Sorgen sprechen. Die Läden haben wieder auf, es wird ein bisschen geshoppt (zum Glück, ein bisschen Wirtschaft findet statt) in den Restaurants sitzen Leute ohne Gesichtsmasken, wüsste man nicht, dass „Krise“ ist, man käme kaum darauf.

Ich allerdings, kann nicht ausblenden, was gerade stattfindet. Und das nicht nur, weil ich immer noch Nichts gedreht habe, dieses Jahr, sondern weil ich zwei Kinder zu Hause habe. Und was man meinen Kindern abverlangt, zur Zeit, das macht mich fassungslos.

Mein 15 jähriger sitzt seit Monaten zu Hause rum. Einzig offiziell erlaubte Beschäftigung: Spaziergänge, Sport (mit strengen Auflagen, Musikunterricht, immerhin) und Online Hausaufgaben. Von Mutti betreut. Ich mag Mutti, denn ich BIN Mutti in dem Fall, aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte mit 15 ein halbes Jahr hauptsächlich zu Hause Hausaufgaben gemacht, betreut von meiner Mama, sonst eigentlich NICHTS, ich wäre vermutlich ausgerissen.

Die Grenzen dieser Unternehmung werden leider zu Hause, da wo „homescooling“ praktiziert werden soll, mehr als klar. Es bleibt bei der Pflichterledigung. Die aus dem Boden gestampften Systeme taugen eher zur Übermittlung von Hausaufgaben. Die Möglichkeiten von youtube-Tutorials, speziell entwickelten online Lernprogrammen und interaktiven Übungstools bleiben unberührt. Und es gibt kaum Austauschmöglichkeiten. Keinen Diskurs. Lernen ist aber weit mehr, als Übermittlung von „Stoff“. Per Mail.

Den Lehrern kann man die Verantwortung hierfür nicht zuschieben. Sie haben Corona nicht erfunden und auch die Schutzmaßnamen nicht, nicht mal die Lehrpläne haben sie geschrieben und trotzdem tragen sie eine große Verantwortung derzeit.

Leider drängt sich aber der Eindruck auf, dass da, wo wirtschaftliche Interessen bestehen, intensiv an Lösungen gearbeitet wird (Gut so!) während ich von Seiten der Behörde schon vor Wochen gehört habe: „Vermutlich gar kein Regelbetrieb mehr dieses Jahr. Wir können die Hygieneauflagen nicht erfüllen“. (Was so sicher stimmt). Dafür aber Sommerferien. Herrlich. Ich freu mich drauf! Weitere sechs Wochen intensive Zeit mit meiner Kernfamilie. Ohne Ablenkung durch irgendwelche Jobs! Da stellt sich mir schon die Frage, wer sich da ganz genau von was erholen soll?!

Dass Familien derzeit überbelastet werden, wurde ja bereits diskutiert. Ich sage: Meinen Kindern wird sogar noch mehr abverlangt, als mir. Sie werden vom sozialen Leben ausgegrenzt. Plötzlich werden die schärfsten Vorsichtsmassnahmen von unseren Jüngsten praktiziert. Und das kann nicht sein! Die erfolgreiche Pandemiebewältigung kann doch nicht von unseren Kindern getragen werden!? Von einem Sechsjährigen, der monatelang abgeschnitten von anderen Kindern Hörbücher hört und Ausmalbilder ausmalt, während Mama und Papa den großen Bruder anschreien, er möge doch bitte BITTE seine Hausaufgaben machen und zwar JETZT, während der verzweifelt ruft: „Aber mir fehlt jede MOTIVATION, das ist Beschäftigungstherapie, ich habe überhaupt keinen Spaß mehr, hier.“

Kinder sind sehr anpassungsfähig. Mein Kleiner hatte im ersten Monat täglich Bauchschmerzen. Die Kinderärztin hat eine depressive Verstimmung diagnostiziert. Dann hat er sich mit den Umständen arrangiert, hat sich darauf eingestellt, dass Mama mit ihm Fußball spielt, oder MauMau, aber erst am Nachmittag. Er kann stundenlang Hörspiele hören und wartet eigentlich den ganzen Tag auf seine Fernsehzeit am späten Nachmittag. Nur zurück will er jetzt eben nicht. Ich verstehe ihn. Er hat Angst. Man hat ihm gesagt, dass er Abstand halten soll, dass seine Freunde vielleicht gefährlich für ihn sind. Dass er eine Gefahr für seinen Opa sein könnte. Und jetzt weiss er nicht, wie er sich verhalten soll. Es hat ihm weh getan, seine Freunde nicht zu treffen und wenn er sich jetzt wieder auf sie einlässt, könnte es sich schmerzhaft anfühlen, wenn sie erneut getrennt werden. Also lässt er es lieber sein. (Ich kenne auch eine Menge Erwachsene, denen es gerade ähnlich geht. Bestimmt gibt es für dieses Phänomen demnächst ein eigenes Wort, wetten?)

Ich finde das nicht lustig. Ein Sechsjähriger, der sich in sich selbst zurück gezogen hat, sollte (hoffentlich) alarmierend sein. Und damit gehört er noch zu den Sechsjährigen, für die gesorgt wurde. Was mit den Kindern gerade los ist, die auch ohne Corona in schwierigen Lebenssituationen aufwachsen, weiss: Kein Mensch. Hier endet für mich das Verständinss für die Schutzmaßnahmen. Schutz ist gut, Schutz kann Leben retten, aber das hier ist Fake. Ausgetragen auf dem Rücken derer, die keine Stimme haben.

Ich bin grundsätzlich nicht dafür, einer Krankheit die Regie über das Leben zu übergeben, natürlich auch nicht dem Tod. Aber wenn diejeniege Bevölkerungsgruppe die größten Einschränkungen zu ertragen hat, die nachweisslich am wenigsten gefärdet ist, selber zu erkranken, die sogar das Virus seltener zu übertragen scheint (wie seriöse Studien zu belegen scheinen) dann muss ich, in meiner Eigenschaft als Mutter und in Vertretung meiner Kinder die Stimme erheben und sagen: Halt! Stop! Das ist nicht fair!

Ich erhebe Einspruch für die, die es nicht selber tun können, weil sie Kinder sind. Und Rechte haben. Die derzeit zu kurz kommen. Viel zu kurz. Kürzer, als die der Erwachsenen. Kinder brauchen einen Schulalltag. Nicht zwei Stunden die Woche, sondern täglich. Damit sie ein ernst zu nehmendes, soziales Leben haben. Und damit sie wirklich etwas lernen.

Das dass mit erheblichem Aufwand verbunden ist, tut mir leid. Aber so ist es nun mal. Ich kann, aus eigener Berufserfahrung versichern: Kreativität bietet Lösungen! Und kreativ-sein bedeutet nicht viel mehr, als Bekanntes neu zu kombinieren. So lange, bis etwas Neues daraus entsteht. Ich bitte sehr darum.“



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