Der Cappuccinoeffekt. Integration für Anfänger2

Cappuccinotasse

Schon mal vom Cappuccino-Effekt gehört? Cappuccino-Effekt nennt man das akustische Phänomen, das unmittelbar nach dem Umrühren einer Tasse Cappuccino auftritt: „Klopft man mit dem Löffel mehrmals hintereinander an die Tasse, so steigt die Tonhöhe innerhalb der ersten Sekunden deutlich hörbar an. Dieser Effekt lässt sich, nach erneutem Umrühren, so lange wiederholen, wie noch Milchschaum vorhanden ist“. Klappt wirklich, könnter googeln. Und im Selbstversuch hat es auch super funktioniert.

Warum ich sowas weiss? Weil ich IMMER noch in Österreich bin. Drei Monate sind nämlich fast ein viertel Jahr. Eine verdammt lange Zeit, aus meiner aktuellen Perspektive. Vor allem, wenn das Wetter gleich bleibend beschissen daher kommt. Als ich vor sechs Wochen das erste Mal angereist bin, hatte ich noch T-shirts und Halbschuhe im Gepäck. Inzwischen habe ich meinen dicksten Wintermantel wieder ausgemottet, trage grundsätzlich Mütze UND Schal, wenn ich aus dem Haus gehe und friere trotzdem chronisch. „Wir sind das Land der Funktionsklamotten“ sagte letzte Woche der Barista des Cafe Cuenstler zu mir, als er mir den dritten Cappuccino servieren musste, weil ich wieder mal eingeschneit war in seinem schönen Cafe. Von ihm habe ich auch diese Cappuccinoweisheit. Man kommt halt auf allerlei Gedanken, während man sich hier zu assimilieren sucht.

Ich hab inzwischen schon eine ganze Odysee durch verschiedene österreichische Lebensräume hinter mir. Aktuell wohne ich bei Adolf und Erika. Sie sind ganz nett und sammeln Hirschgeweihe. Für ihre Vornamen können sie ja nix. Hoffentlich. Vorher war es schlimmer, da wohnte ich bei einem pflegebedürftigen Opa, der sich mir leider nie vorgestellt hat. Unsere WG war eine eher Zweckmäßige. Dagegen wäre eigentlich nichts einzuwenden, allerdings hab ich auch nichts gegen ein bisschen zwischenmenschliche Interaktion. Dem Opa aber ging es nicht um mich, es ging ihm um mein Geld.

Genau genommen war es auch nicht der Opa, der an mein Geld wollte, sondern die Tochter von dem. Die hat mich dem Opa untergeschoben. In die vorderen, von dem Opa nicht benutzten Wohnräume hineingeschmuggelt, und ordentlich abkassiert. Ausserdem hat sie noch einigen Sperrmüll in eben diesen Räumlichkeiten untergebracht. Einen defekten Kühlschrank, einen kaputten Fernseher und eine Kochplatte auf der immerhin die EINE Platte funktionierte. Sie versuchten wirklich, ihren zur Verfügung stehenden Wohnraum optimal zu nutzen, dort. Auch das Katzenklo und die Katzenfutterstelle hatte sie sehr geschickt vor dem Eingang zu meinem Schlafzimmer deponiert. Leider fand ich es eher ungeil, in dieser Weise über die Ess-und-sonstwas-Gewohnheiten meiner tierischen Mitbewohner informiert zu sein.

Die Katze hieß übrigens Minka. Minka hat sich mir zwar auch nie vorgestellt, tatsächlich habe ich sie nur einmal kurz erwischt, als sie gerade dabei war, die Tapete in meinem Badezimmer von der Wand zu kratzen, (stellt euch eine in die Jahre gekommene, farblose und tendenziell verfettete Katze mit offensichtlich ausgeprägtem Aggressionspotential vor) aber ich wußte meistens wo sie war. Nicht nur wegen dem Geruch, den wahlweise ihr Futter oder ihre Scheiße in meinem Schlafzimmer hinterließen. Nein: der pflegebedürftige Opa hatte in seiner Pflegebedürftigkeit eine Minkamanie entwickelt und rief dauend nach der fetten Katz: „Minka? Miinkaa?! Miiinkaaa!!! Bis Minka antwortete. Mit klagendem Miau. Auch Nachts.

Den Opa selbst hab ich ja nie kennen gelernt. Auch wenn ich immer wußte, dass er da war. „Minka, Minka“. Halt, nein, das stimmt nicht. Einmal bin ich ihm auf dem Flur begegnet. Hatte ich schon fast vergessen, diese Begegnung. Wir haben uns beide sehr erschrocken. Ich, weil ich nicht erwartet hatte, dass der überhaupt da raus kann, aus seiner Pflegebedürftigkeit, und dass er dann plötzlich vor mir steht, mitten im Flur, und er, weil er offensichtlich gar nicht WUSSTE, das es mich überhaupt GIBT. In seiner Wohnung. War eine sehr interessante Begegnung. In der Düsternis dieser grundsätzlich unbeleuchteten Wohnung. Ich fand’s ja geil. Weil es so „Thomas Bernhard“ war. In einer düsteren, österreichischen Wohnung zu stehen, mitten im Flur, frisch aus der Dusche, und ein geistig offensichtlich umnachteter Mann baut sich vor einem auf und ruft: „Wer ist diese Frau?“. (Hätte er in diesem Moment eine Waffe bei sich getragen, wäre ich jetzt schon lange tot). Morbider geht’s nicht.

Dagegen ist die Omi, in deren Heizungskeller ich mich aus Versehen übergangsweise eingemietet hatte, eine vor Helligkeit leuchtende Erscheinung. Obwohl dieser Eindruck jetzt in der Rückschau evt. mit dem weissen Nachthemd gekoppelt ist, das sie trug, wenn ich ihr Nachts begegnete. Sie musste nämlich durch meinen Teil der Wohnung durch, um in den Heizungskeller zu gelangen. Und das war anscheinend der Ort, an dem sie sich am liebsten aufhielt. Verständlich, weil es ja draussen wirklich ganz bitterkalt war, die ganze Zeit. Zwischendurch kühlte sie sich vor meinem Kühlschrank ab. So interpretiere ich zumindest ihre nächtlichen Aufenthalte vor meinem geöffneten Kühlschrank. Ich persönlich hatte allerdings ein Problem mit dem starken Geruch nach Heizöl in der ganzen Wohnung. Deshalb bin ich dann doch noch mal zu Erika und Adolf umgezogen. Und bald ist ja eh‘ bald Premiere und meine Zeit als Österreicherin neigt sich dem Ende zu. Puh. Darauf ’n doppelten Cappuccino!

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