Bonusdings! Kostenlose Aktiv-Verdrängung. Just don’t do it!

Bluse: Atelier Baldauf Koeln, Rock: Marianna Déri , Tasche: Chloé

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Herr Rusch meint, ich soll was schreiben. Es würde dann gedruckt. In seiner Zeitung. Zum Thema „Erinnerung“. Das Blöde ist nur: Ich erinnere mich an nichts. Und wenn, dann nur UNGERN. Nicht etwa, weil ich ein Scheißleben hatte. Völlig falsch! Es gibt sicher ’ne ganze Menge Supersachen in meinem höchstpersönlichen Erinnerungsbiotop. Nur: Ich will davon nix wissen. Auf keinen Fall. Ich schalt da ab. Schmeiß die Fernbedienung in die Ecke. Will ich nicht sehen, diese blöde trial and error – Show. Ich guck mir doch freiwillig auch keine schlechten Filme an, in denen ich mal mitgespielt habe. Egal, wie jung und schön ich da mal war. JETZT bin ich auf jeden Fall die bessere Version von mir. Weil DIE Fehler, die ich VOR 2018 gemacht hab, DIE immerhin, passieren mir nicht noch mal.

Es ist doch auch gemein: Man macht sich auf den Weg, geht los, einfach rein, ins Leben, man versucht es halt mal und zack, schon hat man alles falsch gemacht. Zum Beispiel trifft man Einen auf dem Flur, sagen wir mal, beim SWR. (Da war ich gestern). Gestern lauf ich beim SWR in Baden Baden durch den Flur, ein Typ kommt mir entgegen, bleibt stehen und sagt nett: „Ach hallo, schön dass sie da sind, wie geht es ihnen?” Und ich denke: „Hä, was will denn der von mir, wir kennen uns doch gar nicht, oder etwa doch? “Äh, danke gut” wirft währenddessen mein situativ überfordertes Gehirn als Sprachnachricht an den aus und meine Beine laufen einfach weiter.

Und natürlich war das der REGISSEUR, der mich gerade in seinem Film besetzt hat und es war total unangemessen, dem nicht freudig die Hand zu schütteln und sich anständig vorzustellen und alles, und es war ein FEHLER und hätte ich nur früher gewusst, dass er der REGISSEUR ist, hätte ich nur sein Profilbild bei facebook gegoogelt, oder irgendeine red-carpet-situation von seinem letzten Film, es wäre nicht passiert.

Und so läuft jawohl das ganze Leben. Dauernd macht man etwas falsch. Jedes Mal ist man erst hinterher klüger. Und deshalb bin ich GEGEN DAS ERINNERN. Weil man es eh‘ nicht mehr ändern kann. Nur besser machen. Beim nächsten Versuch. Weg mit Schaden. Und weiter machen.

Ich hab da übrigens eine super Technik entwickelt. Ihr könnt sie gerne mal ausprobieren. Ist gewissermaßen das Bonusmaterial zu dieser Kolumne hier. Meine „Sportlich-Angewandte-Aktiv-Verdrängung“: Den Move dafür habe ich mir bei irgendeiner amerikanischen Sportart, für die ich mich ansonsten zu wenig interessiere um die jetzt hier konkret benennen zu können, abgeguckt. Man schmeißt da (unter anderem) einen kleinen Ball mit ausholender Bewegung sehr weit von sich weg.

Und genau das macht ihr jetzt in Zukunft mit all Eurem überflüssigen Erinnerungsballast: Einfach die letzte Erfahrung, die droht, zu einer bewussten Erinnerung heran zu reifen in Griffweite visualisieren, mit der ganzen Hand umfassen, ausholen und weit, weit weg schmeißen, den blöden Mist.

P.S. Man braucht überhaupt keine Sorge zu haben, dass da irgend was verloren geht. Irgendeine wertvolle, persönliche Erfahrung. Der Körper nämlich, dieses Tier, speichert sich den Kram sowieso auf seine Weise ab. Und überschreibt unsere jüngsten Erfahrungen in das komplexe Gesamtkunstwerk, das wir täglich persönlich präsentieren.

„Guten Tag, ich bin die Summe meiner bisher begangenen Fehler und Erfolge von denen ich nichts wissen will. Das Ganze habe ich heute mit einer gelben Seidenbluse eingekleidet und mit einem Duft von Kenzo parfumiert“.

Apropos Duft: Manchmal bedankt der Körper sich ganz überraschend dafür, wenn man ihm so eigenverantwortlich den ganzen Erinnerungskram überlässt und beschenkt einen ganz unvermittelt mit einer spontanen Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Düfte funktionieren da super als Transmitter. Wer kennt das nicht:

Du sitzt im Zug, schaust aus dem Fenster und denkst an nix, da setzt sich neben dich ein völlig fremder Mensch, zieht den Mantel aus, schwingt ihn an deiner Nase vorbei, um ihn aufzuhängen und wedelt dir dabei sein Parfum ins Gesicht. Und für einen Moment sitzt plötzlich dein Exfreund neben dir, als wäre nichts gewesen. Gegen sowas ist man leider machtlos. Einen fremden Mann kann man ja leider nicht einfach einer unbekannten amerikanischen Sportart gleich, durch das Abteil werfen. So weit weg, wie man einen Exfreund im besten Fall von sich entfernt haben will. Evt. könnte man in Zukunft allen zukünftigen Exliebhabern das Tragen von Parfum untersagen? Oder der Nase das Abspeichern von an Duftrezeptoren gekoppelten Erinnerungen? Ach, was weiss denn ich. Ich war doch von Anfang an dagegen! Soweit ich mich erinnere…

P.S. Dieser Artikel ist exklusiv für die Zeitschrift applaudissement und den Verleger Bernhard Rusch entstanden. Wer mag, kann „applaudissement“ über diesen link bestellen und den Text, zusammen mit vielen anderen, dort gedruckt geniessen. 🙂

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