Aufruf zum erotischen Alltag

Credit @Dirk Ossig P.S. Die auf dem Motiv dargestellten Peronen sind nicht mit den in der Kolumne beschriebenen Personen verwandt, verschwägert, noch sind sie persönlich dargestellt 😉

#diesozialempirikerin #theoriedesalltags

Neuerdings gehe ich in der Früh‘ zum Bäcker. Gleich um halb acht. Und das ist toll! Ich weiss gar nicht, warum ich das nicht immer schon gemacht habe, morgens, in der Früh zum Bäcker gehen! Ich schätze, es hat damit zu tun, dass ich selber gar kein Brot frühstücke. Ich bin ein Müslityp. Aber:

Ich habe Kinder. Und denen zuliebe bin ich (natürlich) da hin gegangen.

Unlängst hatten sie nämlich Pech. Das Brot war alle. Montagmorgen. Man kennt das. Irgendwer hatte Sonntagnacht eine Fressattacke, oder es ist ganz von selber weniger geworden, jede der im Hauhalt lebenden Personen hat halt ein oder zwei Scheiben mehr als sonst gegessen, oder, noch wahrscheinlicher, eine im Haushalt lebende Person, die nicht genannt werden möchte, hat am Samstag einfach vergessen, genug davon einzukaufen.

Voll egal eigentlich, wie es so weit kommen konnte, (ich war natürlich unschuldig) das Brot war alle, ganz und gar , kein Krümel übrig und meine Kinder sind leider KEINE Müslitypen und deshalb habe ich mich am Montagmorgen, so richtig früh, beim Bäcker in der Schlange eingereit.

Und ich sag euch was: Morgens um halb acht beim Bäcker in der Schlange ist es ganz wunderbar!

Macht das mal. Kauft euch ein Brötchen, ein Chroissant, oder eine Laugenstange, ich schwöre: Es versüßt den Tag. Und zwar zuckerfrei. Ich glaube, die Uhrzeit ist dafür verantwortlich. Ja, das ist meine Theorie.

Weil alle, die da morgens in der Schlange stehen, noch leicht verschlafen sind. Noch halb (oder auch ganz) in ihren Traumwelten festhängen. Im Traumland sind die meisten weniger sie selbst. Und dadurch, auch wenn das jetzt widersprüchlich klingt, authentischer. Vielleicht sind sie auch nur weniger angriffslustig. Auf jeden Fall hab ich selten so entspannte Einkäufer erlebt, wie an diesem Montagmorgen in der Schlange.

„Einen Dickmann bitte“, bestellt eine ältere Frau. „Hä?“ sagt die Verkäuferin. Kundin: „Ja, diese Männer da, mit der Pfeiffe, wie heißen die noch?“ „WECKmänner“, sagt die Verkäuferin. „Wieso Weck-, die SIND doch total dick!“ sagt ein anderer. (Er spricht mit bayerischen Idiom, vielleicht auch Baden Württembergisch (falls es das gibt?) vermutlich ist ihm nicht bekannt, dass diese Männchen aus Weckenteig im Rheinland „Weckmänner“ heißen, immer schon).

„Die Dickmänner haben Schokoladenüberzug“ versucht die Veräuferin aufzuklären. „Früher hießen die Mohrenköpfe“ erinnert sich ein richtig Alter wehmütig, „ach, da war isch noch jung und schön“. „Aber dann kamen wir und jetzt heißen die halt nicht mehr so“ sagt ein Dunkelhäutiger und alles lacht, auch er. „Was soll ich da sagen?“ gibt ein Dicker zu bedenken und wieder lachen alle, am lautesten der dicke Mann, stolz, weil er den besten Punkt gelandet hat.

In den sozialen Netzwerken wäre jetzt sofort die Hölle los,

denke ich, aber hier ist Montagmorgen, wir stehen gemeinsam beim Bäcker in der Schlange an, draussen ist es stockdunkel und alles scheint ganz einfach, jetzt wo es hier in Echt passiert. Sonderbar, denke ich, wir sollten uns vielleicht öfter analog gegenüberstehen, wenn wir einfach so daherreden, eine Menge zimlich mieser Dialoge blieben uns so vielleicht erspart. Und ich sehe mich zwischen meinen Mit-Schlangestehern um. Es gibt vermutlich nichts, was uns verbindet, ausser dass wir am Montagmorgen um halb acht Brötchen kaufen gehen.

Und eben alle miteinander kommuniziert haben. Verschlafen und ein bisschen frotzelig und irgendwie ganz süß.

Und plötzlich liegt Erotik in der Luft.

Knistert mit der Papiertüte um die Wette, in welcher der dicke Weckmann nun verschwindet, den die ältere Dame endlich geordert hat. Jetzt wird er liebevoll von der Verkäuferin verpackt. Und seitdem gehe ich dort regelmäßig Brötchen kaufen. Als Therapie. Und natürlich auch aus einem wissenschaftlichen Aspekt. In meiner Eigenschaft als Alltags-Erforscherin. Weil es mich natürlich interessiert, ob sich die Erfahrung wiederholt.

Ich hatte erst daran gezweifelt.

Muss man ja, aus wissenschaftlicher Sicht. Da müssen zufällige Ergebnisse angezweifelt werden. Und empirisch untersucht. Durch regelmäßige Besuche der Bäckereifiliale. Morgens um halb Acht. Hätte ja sein können, dass ich beim ersten Mal nur zu müde war um den Tatsachen besser ins Gesicht zu schauen. Noch nicht ganz wach, noch nicht so fit im Kopf und weich in den Gedanken, aber inzwischen hab ich den Beweiss.

Er wurde von der ältesten Bäckerin, die da arbeitet, erbracht. Oder Bäckerreifachverkäuferin, wie es ja richtig heißt. Sie war mir schon vorher aufgefallen. Als eine mit krimineller Vergangenheit. Also ich denke, dass sie eine hat. Eine kriminelle Vergangenheit. Sie trägt die Knastträne. Und drei tätowierte Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihr wisst schon, diese schlechten Tätowierungen, die irgendwas mit Knast zu tun haben. Nur das man da nie genauer fragen will, um niemanden zu verletzen und um nicht selbst als Dummi dazustehen. Wie sollte das auch gehen: „Entschuldigung, waren sie zufällig mal im Knast? Nein? Ach, so, ja ne, ich dachte nur…“.

Für die Studie ist ihre kriminelle Vergangenheit sowieso unerheblich. (Ich finde sie natürlich trotzdem sehr interessant). Das, was sich zwischen uns ereignet hat, wäre auch so passiert. Weil die anderen Koordinaten stimmten, nehme ich an.

Zwischen der Bäckereifachverkäuferin und mir, da hat es nämlich gefunkt. Und zwar so richtig. Und das kam so:

Seit ich regelmäßig morgens Brötchen hole, werde ich von ihr bedient. Nicht, weil ich Wert darauf lege, oder weil sie das tut, nein, sie wird einfach immer genau dann frei, wenn ich an der Reihe bin. „Wie immer?“ fragt sie mich inzwischen und weil „wie immer“ in meinen Ohren langweilig klingt, sage ich dann: „Nein, heute mal was ganz anderes“. Und dann lachen wir. Wir lachen auch, wenn wir wieder zueinander finden. Weil es sich wieder im letzten Moment so fügt. Obwohl ja klar ist, dass keine von uns darauf Einfluss haben kann. Ich bin mir sicher, wir mögen uns. Also sie mich. Ich mag sie eh.

Ich rede mir ein, dass wir die einzigen sind, in der Bäckereischlange in Düsseldorf, die ein bisschen von der Welt gesehen haben.

Zum Beispiel im Knast. Oder im Theater. Haha. Naja. (Die Meisten hier, sind echte Düsseldorfer. Haben ausser Mallorca, New York und den Malediven, nie was von der echten Welt gesehen). Ich übertreibe. (Ein bisschen was Wahres ist natürlich dran).

Heute war der Höhepunkt unserer Begegnung.

Heute, um kurz nach halb acht, blieb zufällig ein Geldstück, dass sie mir zurück geben wollte beim Kassieren, an ihrem Finger kleben. Vermutlich Zuckerguss. Kann ja passieren. Wenn man schon früh um sieben, zuckergussglasiertes Gebäck verkauft. Naja, es klebte also da, das Wechselgeld und ich musste es mit meinen Fingern, von ihren runter popeln. Und daraus ergab sich, völlig spontan und absichttslos, ein definitiv EROTISCHER MOMENT.

Wir kicherten und wurden rot, ich sagte: „Huch“, sie antwortete: „Oh jeh!“ und dann war es schon vorbei.

Wunderschön und genau so erschreckend, wie echte erotische Begegnungen nun mal sind. Vor allem, wenn sie sich zwischen wildfremden Menschen ereignen, die man altersmäßig, von der sozialen Gruppe her, oder, sagen wir mal, aus der Zielgruppe heraus, nicht unbedingt zusammenbringen würde. Um so schöner, wenn es passiert.

Meine Studien hab ich übrigens nach diesem Erlebnis abgebrochen.

Ich war nicht sicher, wohin dieser Weg mich führen würde. Die Begegnung mit der Bäckerreifachverkäuferin war der Höhepunkt. Danach bin ich ausgestiegen. Weiter dürfen wir nicht gehen, sagte ich mir, als ich die Bäckereifiliale kurz danach mit rotem Kopf und einer Tüte Röggelchen verließ.

Meine Söhne waren sauer. Sie mögen keine Röggelchen. Sie bevorzugen ihre Brötchen „wie immer“, ganz normale Semmeln halt. Sie können ja nicht ahnen, dass ihre Mutter keine ist, die jeden Morgen einkaufen geht, bloss um ihnen Brötchen zum Frühstück zu servieren. Nein. Ich kaufe als Social-Life-Empirikerin.

Natürlich nicht nur einfach so, nein, natürlich tue ich es für euch, meine lieben Leser und Leserinnen.

(Aus Gründen der wahren Gleichberechtigung, nenne ich die Männer heute zuerst). Weil einer der Gründe für mein Schreiben hier, der ist, euren Alltag zu bereichern. Und das Erotische im Alltag ist definitiv eine Bereicherung. Und zwar genau so ein Erotisches. Ein Unerwartetes. Zwischen Irgendwem. Das Erotische zwischen Mann und Frau ist ja inzwischen viel zu anstrengend geworden. „Mann und Frau“, dass hat vorrübergehend wegen Umbauarbeiten dicht gemacht. Die Bauarbeiten sind begrüßenswert, Sex wird weiterhin praktiziert werden, aber in der Zwischenzeit

plädiere ich auf Ausweitung der Erotik in den Alltag rein. Mitten in die Bäckereiwarteschlangen der Nation.

Ihr müsst nur morgens ein bisschen früher aus dem Haus, damit die Leute noch ein bisschen verschlafen sind, wenn sie in der Schlange stehen. Und ihr natürlich auch. Dann wird es traumhaft funktionieren. Man darf nur nicht zu weit gehen, wie ich. Wenn man die Bäckereifiliale verschwitzt und mit klopfendem Herzen verlässt, dann sollte man aussteigen. Oder die Filiale wechseln. Aber das ist ja eigentlich eine der erotischen Grundregeln, so viel ich weiss. Naja. Wie auch immer ihr es treibt: Ich wünsche euch viel Spaß dabei! Ach ja, und berichtet mal, wie es bei euch läuft. Fließt natürlich alles in die oben dargestellte Studie mit ein. Ich bin gespannt. Herzlich, und erotisch, eure Mary Reili!

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