All i never wanted

Filmstill: ALL I NEVER WANTED, 2019

Manchmal ist es Zeit, inne zu halten und mal zurück zu schauen. Oft ist das dann, wenn man nicht so genau weiss, wie es weiter gehen soll. Was man anstrebt. Wo hinein man demnächst seine Energie invstieren sollte. Vielleicht hat man unmittelbar vorher eine Erfahrung gemacht, die einen nachhaltig verwirrt und aus der Bahn geworfen hat. Eventuell hat man eine Erschütterung erlebt und jetzt steht man da und ist geschüttelt worden und sammelt seine Reste ein. Könnte ja sein.

Könnte sein, dass es einem gerade so ergangen ist. Könnte zum Beispiel mir gerade ganz genau so zugestoßen sein. Nehmen wir es mal an.

Nehmen wir an, ich habe ein Erlebnis hinter mir, welches mich erschüttert hat, verärgert und verwirrt und jetzt muss ich die in mein zukünftiges Leben integrieren. In meine Vita als Schauspielerin in dem Fall und deshalb schaue ich zurück.

Und frage mich: Warum? Warum MACHE ich das alles überhaupt?! Spielen? Macht das überhaupt irgend einen Sinn? Macht es Spaß? Und überhaupt? Tu ich damit irgendwem einen Gefallen? Will das noch wer sehen?

Eine nicht mehr richtig junge Frau, die so tut, als ob?!

Ihr seht, ich bin wirklich sehr entschlossen, hart mit mir selber ins Gericht zu gehen. Liegt vermutlich daran, dass parallel (bzw. gleichzeitig) zu meiner beruflichen Erschütterung, ein Film meiner Schwester Annika Blendl Premiere auf dem Filmfest München hatte. ALL I NEVER WANTED heißt der und sie stellt darin recht satirisch dar, wie es für eine wie mich so laufen könnte. Zu diesem Zweck spiele ich mich darin auch gleich selbst: Mareile Blendl als fiktive Behauptung, ein zweites Ich mit einer ausgedachten Parallelkarriere.

Meistens schlüpft man ja in andere Figuren, unbekannte Berufe, neue Charaktere (andere Haarfarben) und so ein Zeug. In dem Fall war ich ganz die alte (eine Schauspielerin in ihren 40ern) nur die Situation war frei erfunden und ist jetzt filmisch immanent, im Gegensatz zu meinem echten Leben.

Die filmische Episode wird also am Ende evt. mehr über mich erzählen, als meine tatsächliche Biografie. Vielleicht. Wer weiss.

(Ganz sicher hat es riesigen Spaß gemacht, mich dort, als Darstellerin, in spielerischer Weise zu einigen der Schattenseiten unserer Arbeit äußern zu dürfen. Und ich danke meiner Schwester Annika Blendl und ihrer Regie-Kollegin Leonie Stade (die beiden sind so was von Avantgarde, machen einen Film als weibliche Doppelspitze und zwar absolut harmonisch) also ich danke den Beiden aus tiefem Herzen für diese wunderbare Möglichkeit!)

Als ich den Film zur Premiere auf dem Filmfest München (zum ersten Mal) gesehen habe, wurde mir eines nochmal so richtig deutlich:

Das wir zu Tätern werden können an uns selbst, wenn wir in diesem Geschäft mit spielen wollen.

Egal wie alt wir sind. Es wird immer eine Jüngere geben. Eine mit höherem Marktwert. Und mit viel mehr Erfolg. Und dann?

Die Konsequenz kann ja nicht sein, es einfach aufzugeben. (Es sei denn, eine(r) hat was besseres für sich gefunden, etwas, dass sie oder ihn mehr ausfüllt, oder wenigstens ihr Portemonnaie).

Mein Film-Ich greift in diesem Fall dann zu den Waffen.

Was genau sie tut, die erfundene Mareile, müsst ihr euch natürlich selbst ansehen. (Kinostart ist irgendwann im Winter. Ich gebe Euch Bescheid). Sie lässt nichts unversucht, so viel kann ich euch verraten und ich hoffe natürlich, es tut, bei aller Komik, auch ein bisschen weh, ihr/mir dabei zuzusehen.

Und ich? Die Echte? Wie läuft’s bei mir? Warum mach‘ ich weiter? Trotz der Erschütterungen die das ganze Geschäft hier immer wieder mit sich bringt?

Vermutlich bin ich kurz davor, wahnsinnig zu werden. Wer stellt sich so eine Frage öffentlich!? (Was, wenn am Ende raus kommt, dass ich besser aufhören sollte?!)

Ach was, jetzt hab ich ALL I NEVER WANTED schon gedreht, auf der Ebene hab ich eh nix mehr zu verlieren. Da kann ich ja nur was zu gewinnen haben. Eine gute Antwort auf meine Frage beispielsweise. Hoffentlich mit Mehrwert für euch, liebe Kolleginnen (und Kollegen). Ich versuche es mal mit dieser steilen These:

Es ist für das UNSICHTBAR SEIN.

Das mag jetzt überraschen, denn tatsächlich tut man ja das Gegenteil, stellt sich ins Scheinwerferlicht, exponiert und entäußert sich. Aber da ist man eben nicht „man selbst“. Man ist ein(e) andere(r). Und lässt sich selbst wie eine Hülle fallen. Für die Länge einer Theatervorstellung. Oder eines takes, beim Film. Und das ist supertoll. Es ist eine Befreiung. Vom Selbst. Vom persönlichen Handlungsauftrag und allen seinen Konsequenzen.

Man ist nicht mehr festgelegt, auf die eine, langweilige Mareile, die man viel zu gut und inzwischen auch noch viel zu lange kennt. Mann ist viel mehr, sogar jünger kann man wieder sein. Und all das kann man ausprobieren, ohne das es wirklich schmerzt. Und trotzdem tut man’s ja, in dem Moment. (Morden, lieben, lachen, weinen, siegen und verlieren. Alles rituell). Dass das wie eine Droge wirkt, muss man vermutlich niemandem erklären.

Die grenzenlose Erweiterung des Selbsts. Die maximal-(Aus)-Dehnung der Persönlichkeit.


Einen Mehrwert stellt das allerdings nicht dar. Entgrenzte Persönlichkeiten gibt es (auch dank social-media) mehr als genug, wozu die gut sind (abgesehen davon, das Geschäft anzukurbeln, jeder das, wofür er mit seinem grenzenlosen Auftritt wirbt) ist aber unklar. Für nix. Fürs Geld. Oder den schönen Schein. Und das reicht einem natürlich wieder nicht, Dinge nur für sich selbst und zum schönen Schein zu tun. Weil man natürlich NOCH eitler ist, als das.

(EINE Erklärung. Man kann diesen Punkt auch anders sehen. Romantischer. Ihr wisst schon, was ich meine). Mann kann Dokumentar-Theater machen, Kinofilme mit Agenda drehen, Agitproptheater spielen, seine Popularität (wenn man eine hat) für Soziales oder den Klimaschutz nutzen, aber seit jeder ständig politische Aufklärung auf seiner fb-wall betreibt, hat sich (auch) Zermürbung auf dieser Ebene breit gemacht.

Ich zumindest freu‘ ich auch mal wieder, wenn ich einfach eine gute Geschichte erzählt bekomme. Weil gute Geschichten eben alles sind: Universell, ambivalent, abgründig UND hoffnungsvoll.

Aber zurück zur Mehrwertdiskussion: Was hab ich mit meiner Spielerei zu bieten? Unterhaltung? Zerstreuung? Ablenkung? Das trifft es vielleicht am besten. Ablenkung. Ablenkung kann auch befreiend sein. Von der eigenen Geschichte. Kurzer Freigang von all den Sorgen, den Aufgaben und der alltäglichen Überforderung.

Im besten Fall, da ist es nämlich so, dass man zwar hinter einer dargestellten Figur verschwinden kann, aber das tut man nicht allein. Im besten Fall, da nimmt man seine Zuschauer mit. Im allerbesten Fall, findet sogar Verschmelzung statt. Zuschauer vergisst eigenes Selbst und wird mit mir zusammen, gleichzeitig mit mir, zu dieser sowieso nur frei erfundenen dritten Persönlichkeit, die man im deutschen „Rolle“ nennt. Oder Figur. Charakter. Kunst auf jeden Fall. Nicht echt. Ein Hirngespinst. Ein Ort im Kopf, an dem man alles sein darf, was man sich sonst nicht zugesteht. Oder was man noch nicht kennt. Vieles eben. Mehr als man selbst.

Und wir Spieler stellen uns für diesen Prozess als Vehikel zur Verfügung. Damit die anderen Mitbürger, diejenigen welche den finanziell relevanten Mehrwert erwirtschaften, oder Ärzte ohne Grenzen sind, oder irgendwas soziales, diese Berufe eben, die man seinen Kindern erklären kann und nicht SCHAUSPIELER (wofür man beim eigenen Nachwuchs nur ein verständnissloses Kopfschütteln erntet, bis sie einen das erste Mal auf der Bühne sehen, mit Schwert in der Hand, oder so, dann finden sie es cool), also für diese Mitbürger bieten wir uns als Transmitter an. Transmitter in die persönliche Erweiterung. Klingt wie eine teure Droge. Find‘ ich gut.

Und deshalb sollten es möglichst viele tun. Männer und Frauen jeder Altersstufe, aller Kleidergrößen, Hautfarben, Einschränkungen oder Besonderheiten. Frauen in meinem Alter auch. Sogar NOCH ältere. (Scherz). Und die ganz jungen. Die, die es können, halt. Und es praktizieren wollen. Denn es ist unter Umständen langweilig, immer nur mit wahnsinnig hübschen, jungen Menschen zu verschmelzen. Für klassische Heldengeschichten sind die wichtig, klar, und man bracht auch was fürs Auge, aber für die Geschichten, die richtig gut sind, darf man auch was zu erzählen haben.

Und das hat man, wenn man was erlebt. Ist nicht unbedingt eine Frage des Alters, eher des persönlichen „Herausgefordert-seins“. Ich für meinen Teil habe das Gefühl, heute besser spielen zu können, als früher, weil ich mehr erlebt habe, inzwischen. Ich habe Kinder geboren. Ich habe Verluste hin nehmen müssen. Ich habe etwas aufgebaut und Fertiges wieder eingerissen, habe Freundschaften gerettet, Trennungen überlebt. Habe Fehler bereut, Erfolge gefeiert, Urlaub gemacht, nicht mehr weiter gewusst, einiges aufgeschrieben und doch noch einen Weg gefunden. Man sieht das. In den Augen. Und drum rum.

Das alles in die Arbeit einfließen zu lassen, ist wunderbar, weil es wahrer Reichtum ist. Die eigenen Erlebnisse sind das, was man tatsächlich hier geschenkt bekommt, in dieser Welt. Und das, was man daraus macht. Also die Haltung, die man zu ihnen entwickelt. Und da spreche ich bitte keinesfalls von was Esoterischem. Das Esoterische ist mir zu klein. Loslassen, Erleuchtung und so. Das würde mir nicht reichen. Nein. Ich schließe die negativen, dunklen Seiten gern mit ein. Ohne die wäre es langweilig. Denke ich.

So. Und weil der wirklich Reiche natürlich teilt um seinen Reichtum zu vermehren, bin ich am Ziel dieser Kolumne angelangt. Und kann jetzt wieder weiter spielen. Meine Transmitter-Dienste anbieten. Das ist das gute an Erschütterungen: Sie schütteln was aus einem raus. Im besten Fall, was Gutes. Das, was wir draus machen, halt. Ich geb‘ mir Mühe. Und freue mich auf feedback. Warum tut ihr ES? SPIELEN? Habt ihr das für euch definiert? Könnt ihr mit meiner Theorie etwas anfangen? Oder ist da jede(r) anders? Und wem guckt ihr gerne zu? Ich bin gespannt! Bis demnächst wieder. XX Mary Reili, unregelmäßige Kolumnistin, Darstellerin aus Leidenschaft.

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